28.2.11

Marginalie: Der Doktorvater des früheren Doktors Guttenberg äußert sich

Hier ist die vollständige Erklärung des Doktorvaters des früheren Doktors zu Guttenberg, Prof. Dr. Peter Häberle, die man zum Beispiel in "Spiegel-Online" lesen kann:
Mit sehr großem Bedauern habe ich zur Kenntnis nehmen müssen, dass die Umstände der von mir betreuten Promotion von Herrn K.-T. zu Guttenberg den Ruf der Universität Bayreuth in der öffentlichen Diskussion in Misskredit zu bringen geeignet sind. Die in der Promotionsschrift von Herrn zu Guttenberg entdeckten, mir unvorstellbaren Mängel sind schwerwiegend und nicht akzeptabel.

Sie widersprechen dem, was ich als gute wissenschaftliche Praxis seit Jahrzehnten vorzuleben und auch gegenüber meinen Doktoranden zu vermitteln bemüht war.

Die Aberkennung des Doktortitels war die notwendige Folge. In meiner ersten spontanen und letztlich zu vorschnellen Reaktion konnte ich - ohne Detailkenntnis der konkreten Vorwürfe - das Ausmaß nicht absehen. Im Blick auf die Originalität der Fragestellung und die Intensität der inhaltlichen Ausarbeitung hielt ich jede Form eines Vorwurfs für ausgeschlossen - zumal Herr zu Guttenberg stets zu meinen besten Seminarstudenten gehörte.

Ich habe den Werdegang seiner Arbeit, wie bei all meinen Doktoranden ohne jede äußere Beeinflussung nach besten Kräften betreut. Ich werde auch weiterhin als Wissenschaftler alles mir Mögliche zur erforderlichen Aufklärung der Umstände durch die Gremien der Universität beitragen.
Die Luft wird dünner. Wann endlich handelt die Kanzlerin?

Daß Guttenberg von sich aus die Konsequenzen aus seinem Betrug zieht, ist unwahrscheinlich. Ein solcher Scharlatan, ein Tartuffe hält durch.

Guttenberg hat sein Leben lang geblendet, und immer sind die anderen darauf hereingefallen. Daß er jetzt entlarvt werden könnte, kann er vermutlich nicht glauben. Man wird ihn davonjagen müssen; freiwillig wird er nicht gehen.



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Zitat des Tages: "Die Gesetzgebung dient der Durchsetzung des Klassenwillens". Aus der Dissertation von Gregor Gysi

Vervollkommnung des sozialistischen Rechtes ... erfolgt zuallererst durch eine objektiv bedingte neue Gesetzgebung, die juristisch, politisch, wissenschaftlich und moralisch entsprechend dem Stand der Entwicklung immer klarer und rechtzeitiger der Durchsetzung des determinierten Klassenwillens dient, indem sie zur Lösung aktueller und perspektivischer Aufgaben der Gestaltung sozialistischer gesellschaftlicher Beziehungen auf der Basis der sich entwickelnden Verhältnisse beiträgt.

Aus der Dissertation von Dr. jur. Gregor Gysi, heute Mittag zitiert von Henryk M. Broder in "Welt-Online".


Kommentar: Nicht nur Gysi, sondern auch andere, die in der DDR oder in der UdSSR promoviert haben - Bartsch, Enkelmann - haben sich in Sachen Guttenberg bemerkenswert weit aus dem Fenster gelehnt. Daß sie damit Journalisten herausforderten, ihre eigenen Dissertationen - so auffindbar - einmal unter die Lupe zu nehmen, hatten sie eigentlich erwarten können.

Broder weist genüßlich darauf hin, welche wissenschaftliche Literatur der Doktorand Gysi für zitierenswert hielt:
Gysis Dissertation zum "doctor juris" umfasst 230 Seiten, dazu kommen weitere 16 Seiten mit 258 Literaturnachweisen.

Die ersten drei beziehen sich auf einen "Bericht des Zentralkomitees an den VIII. Parteitag der SED, Berichterstatter: Erich Honecker", die vierte und fünfte auf eine "Wahlrede" von Leonid Breschnew aus dem Jahre 1974: "Für weitere Erfolge beim Aufbau des Kommunismus", die sechste und siebte wieder auf den ZK-Bericht an den SED-Parteitag, die folgenden sechs – Nr. 8 bis Nr. 13 – verweisen auf Arbeiten von Marx, Engels und Lenin.
Es ist ja nichts Neues, daß Gysi Kommunist war und ist; daß für ihn Wissenschaft also parteilich ist. Aber könnte er nicht wenigstens schweigen, wenn es um die Wissenschaftlichkeit einer Dissertation geht?



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an Lalelu.

Erdoğan in Düsseldorf und das Verbrechen der Assimilation. Der Hund bellt nicht mehr

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan war gestern in Deutschland. Teils, um zusammen mit der Kanzlerin in Hannover die CeBit zu eröffnen, deren Partnerland dieses Jahr die Türkei ist. Vor allem aber auch, um in Düsseldorf eine Rede zu halten. Diese Rede ist einen Kommentar wert. Weniger wegen ihres Inhalts als vielmehr deswegen, weil der Hund nicht bellte.

In Arthur Conan Doyles "Silver Blaze" (die Geschichte handelt vom Verschwinden eines wertvollen Rennpferds mit diesem Namen) gibt es den folgenden Dialog zwischen dem Inspektor Gregory von Scotland Yard und Sherlock Holmes:
Gregory: "Is there any other point to which you would wish to draw my attention?"
Holmes: "To the curious incident of the dog in the night-time."
Gregory: "The dog did nothing in the night-time."
Holmes: "That was the curious incident."

Gregory: "Gibt es noch einen anderen Punkt, auf den Sie mich aufmerksam machen möchten?"
Holmes: "Auf den seltsamen nächtlichen Vorfall mit dem Hund".
Gregory: "Der Hund hat sich in der Nacht nicht gerührt".
Holmes: "Das war der seltsame Vorfall".
Manchmal besteht ein Ereignis darin, daß etwas nicht passiert. Im Fall des entführten Pferds Silver Blaze bellte der Hund nicht, weil das Pferd nicht von einem Fremden entführt worden war, sondern von jemandem, den der Hund kannte. Für Sherlock Holmes war das ein entscheidendes Indiz zur Lösung des Falls. Auch bei Erdoğan bellte der Hund nicht; und auch das ist ein Indiz.



Erdoğan also hat gestern vor Landsleuten in Düsseldorf gesprochen.

Nein, es waren zu einem erheblichen Teil nicht seine Landsleute, sondern es waren Deutsche, deren Vorfahren einmal aus der Türkei nach Deutschland eingewandert sind.

Sie sind so wenig Erdoğans Landsleute, wie Barack Obama, dessen Vater aus Kenia in die USA gekommen war, deshalb ein Kenianer ist. Er ist ein Amerikaner, auf Hawaii geboren. Man würde sich wundern, wenn Obama bei einem Besuch in Kenia von jubelnden Menschen begrüßt werden würde, und die Zeitungen schrieben dazu: "Obama von seinen Landsleuten begeistert gefeiert".

Wer in Deutschland geboren ist und die deutsche Staatsbürgerschaft hat, der ist in genau derselben Weise Deutscher, wie Obama Amerikaner ist. Er hat ausländische Wurzeln, aber er ist Deutscher.

Man sollte meinen, daß diese Erkenntnis trivial ist. Aber sehen Sie sich einmal diesen heutigen Artikel in "Welt-Online" an. Am Anfang ist ein Bild von Erdoğan in Düsseldorf mit der Überschrift "10.000 Türken feiern Erdogan in Düsseldorf"; und unter dem Bild steht "Der Ministerpräsident der Türkei, Recep Tayyip Erdogan, wird bei seinem Auftritt in Düsseldorf von 10.000 in Deutschland lebenden Landsleuten frenetisch gefeiert".

Es mag sein, daß es im Düsseldorfer Publikum auch Landsleute von Erdoğan gab. Eine Mehrheit dürfte das nicht gewesen sein, denn Erdoğan wandte sich ausdrücklich nicht an sie, sondern an die Deutschen in seinem Publikum; die er freilich Türken nannte. FAZ.Net berichtet dazu:
Erdogan kündigte an, die "Blaue Karte", die türkische Staatsbürger nach der Aufgabe ihrer Staatsbürgerschaft erhalten, zu einer Art Personalausweis aufzuwerten. Bisher müssen Türken, die die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen, die türkische abgeben. Mit der "Blauen Karte" sollen die Nachteile, die ihnen daraus in der Türkei erwachsen können, abgemildert werden. In ihrer neuen Form begründete die "Blaue Karte" eine Art Ersatz-Staatsbürgerschaft, der nur das Wahlrecht in der Türkei fehlt.
Erdoğan unterläuft damit das deutsche Recht, das seit 2000 eine doppelte Staatsbürgerschaft in der Regel verbietet. Wer die deutsche Staatsbürgerschaft erwerben möchte, der muß zuvor die türkische ablegen. Wer danach erneut die türkische Staatsbürgerschaft erwirbt, verliert damit automatisch wieder die deutsche.

Es gab vor Jahren in Deutschland eine intensive Debatte zum Thema der doppelten Staatsbürgerschaft. Ihr Ergebnis war bekanntlich das Optionsmodell: Wer in Deutschland geboren ist, der hat zunächst die deutsche Staatsangehörigkeit zusätzlich zu der Staatsangehörigkeit seiner Eltern. Zwischen dem 18. und dem 23. Lebensjahr muß er sich dann aber entscheiden, ob er Deutscher sein will oder aber Türke, Ukrainer oder was immer. Entweder behält er seine deutsche Staatsangehörigkeit oder diejenige seiner Eltern. Beides geht nicht, jedenfalls in der Regel nicht.

Die Logik hinter dieser Bestimmung ist kristallklar: Wer dauerhaft in Deutschland leben will, der muß sich entscheiden, ob er Deutscher sein will oder ein Ausländer, der in Deutschland lebt. Beides zugleich kann er nicht sein. Man kann nicht deutscher Staatsbürger sein, ohne daß man Deutscher ist. Obama ist Amerikaner und nicht Kenianer; auch nicht mit Hilfe einer blauen Karte, die ihn weitgehend den Kenianern gleichstellt.

Erdoğan aber ignoriert diese deutsche Politik einfach. Einseitig gibt er Deutschen mit türkischen Vorfahren Rechte, die auf eine faktische türkische Staatsbürgerschaft hinauslaufen; mit kleinen Einschränkungen.



Und der Hund bellt nicht. Keinen deutschen Politiker scheint das sonderlich aufzuregen. Daß die Kanzlerin in Hannover ihren Amtskollegen wegen dieser unverfrorenen Einmischung in deutsche Angelegenheiten gerügt hätte, ist nicht bekannt.

Was Erdoğan will, liegt auf der Hand: Eine türkische Kolonialisierung Deutschlands. Nicht in dem Sinn natürlich, daß Deutschland formal eine Kolonie der Türkei werden würde; wohl aber in der Weise, daß es in Deutschland neben den Deutschen künftig das Volk der Türken geben soll.

Erdoğan will ein Deutschland mit zwei Staatsvölkern, einem deutschen und einem türkischen; so, wie es im alten Osmanischen Reich, im Habsburger Reich und im zaristischen (wie dann auch im kommunistischen) Rußland verschiedene Nationalitäten gab.

Erdoğans "Landsleute" sollen, Generation nach Generation, nicht Deutsche werden - so, wie Einwanderer in die USA Amerikaner werden -, sondern sie sollen Türken bleiben, die in Deutschland siedeln. Er läßt daran überhaupt keinen Zweifel. sueddeutsche.de:
Erdogan erneuerte seine vor drei Jahren bei einem ähnlichen Auftritt in Köln ausgesprochene Warnung an seine Landsleute in Deutschland, Assimilation sei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. "Ihr sollt euch natürlich in die deutsche Gesellschaft integrieren. Aber ich sage Nein zu Assimilation", betonte Erdogan.
Erdoğan hatte das vor drei Jahren erst in Berlin und dann in Köln gesagt; er hat es letztes Jahr noch einmal bekräftigt; siehe Nein. Schande. Verbrechen. Starke Worte des Ministerpräsidenten Erdogan; ZR vom 11. 2. 2008, "Türken in Deutschland werden wegen ihrer Religionsausübung kriminalisiert"; ZR vom 16. 2. 2008, sowie Erdogan, die EU und das Verbrechen der Assimilation; ZR vom 18. 3. 2010.

2008 hat es noch Reaktionen von deutschen Politikern gegen Erdoğans Politik einer türkischen Kolonialisierung Deutschlands gegeben, wenn auch vorsichtig formuliert; beispielsweise von der Kanzlerin, von Wolfgang Bosbach und vom damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble.

Damals hat der Hund noch gebellt. Oder sagen wir: Er hat leise gewufft. Inzwischen haben sich offenbar in Deutschland die Verantwortlichen damit abgefunden, daß Erdoğan ein binationales Deutschland ansteuert. Und daß er dabei von seinen "Landsleuten" viel Zustimmung erfährt. Henryk M. Broder hat sich bei Erdoğans Düsseldorfer Auftritt das Publikum angesehen:
An diesem Heimatabend sind die Migranten aus der Türkei nicht nur unter sich, sie müssen sich auch für nichts rechtfertigen. Hier sind sie Türken, hier dürfen sie's sein. In solchen Momenten ahnt man, wie wenig hilfreich die Integrationsdebatten sind, weil sie einen Zustand problematisieren, den die Menschen, über die geredet wird, für selbstverständlich halten.

Erdogan spricht zu ihnen, nicht zu den Deutschen da draußen, und deswegen muss seine Rede nicht ins Deutsche übertragen werden. "Warum gibt es keine deutsche Übersetzung?", frage ich einen türkischen Kollegen auf der Pressetribüne. "Integration ist keine Einbahnstraße", antwortet der Kollege. "Heißt das, ich soll Türkisch lernen?" Der Kollege nickt und lacht. "Sie haben mich verstanden!"
Der Traum von Multikulti nimmt Gestalt an. Freilich nicht in der Form, daß Deutsche mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund glücklich zusammenleben. Dasjenige, was Erdoğan will und was kein Hund mehr verbellt, ist die türkische Besiedlung Deutschlands.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an john j., der mich auf einen Irrtum aufmerksam gemacht hat. Titelvignette: Veranstaltung von Erdoğans Partei AKP im Juli 2007; vom Autor Randam unter GNU Free Documentation License, Version 1.2 oder später, freigegeben. Ausschnitt.

Deutschland im Öko-Würgegriff (26): Zusammenbruch erwartet. Das Stromnetz als Mastgans. Wie man aus Glauben Geld macht

Ostdeutschland ist vom Regen in die Traufe geraten. Die kommunistischen Ideologen ist man seit mehr als zwanzig Jahren los. Aber nirgends in Deutschland leidet man so sehr unter der Herrschaft der Öko-Ideologen wie in den Neuen Ländern.

Es war ja alles marode gewesen; damals, 1990. Also konnte man alles neu machen. Also ließ man eine tolle neue Zeit anbrechen, eine Brave New World: Die Welt, in der Strom nicht mehr in derjenigen Menge produziert wird, in der man ihn braucht, sondern in dem Umfang, in dem Mutter Natur ihn uns schenkt. Die Folge ist, daß die Neuen Länder und das ihnen im Stromnetz angeschlossene Hamburg im Strom sozusagen ertrinken. Sie jedenfalls ständig in Gefahr sind, das zu tun.

Ausgerechnet diejenigen, die uns die Glühbirne entzogen haben, die am liebsten Stand-By-Schaltungen verbieten würden; ausgerechnet diejenigen, die dem Stromsparen die sakrale Bedeutung gegeben haben, die bis ins Zwanzigste Jahrhundert hinein die Einhaltung der Zehn Gebote gehabt hatte - ausgerechnet sie haben es uns eingebrockt, daß wir, sofern im Osten lebend, Strom verbrauchen sollten, bis die Schwarte kracht. Die Elektroheizung aufdrehen, alle Lampen einschalten, den Computer mit dem 300-Watt-Netzteil Tag und Nacht laufen lassen - so sollten sich die Bürger verhalten. Jedenfalls manchmal.

Warum? Weil der Wind weht, wie er will. Weil die Sonne scheint, wie sie will. Weil folglich Strom nicht, wie das vor der Zeit des Öko-Wahns gewesen war, in Abhängigkeit vom Bedarf produziert wird. Die Räder drehen sich im Wind oder im Sturm, die Solaranlagen wandeln Lichtenergie in elektrische Energie um, ob wir wollen oder nicht; ob wir diese elektrische Energie brauchen oder nicht.

Das Stromnetz im Osten gleicht einer Mastgans, die zwangsweise gestopft wird, ob sie Hunger hat oder keinen. Nichts wie rein mit der Energie. Der Gesetzgeber hat es so bestimmt, in seinem Öko-Wahn.



Lesern dieses Blogs, Lesern dieser Serie ist das nichts Neues (siehe "Und es weht der Wind ..."; ZR vom 6. 11. 2006, Das gigantische Geschäft mit dem Solarstrom; ZR vom 4. 3. 2010, Absurdität des "Ökostroms"; ZR vom 9. 3. 2010 und Der Wahnwitz der Öko-Transfers; ZR vom 15. 10. 2010). In der heutigen gedruckten FAZ macht Winand von Petersdorff wieder einmal darauf aufmerksam.

Es ist ein wahres Horror-Szenario. Petersdorff:
Die Gefahr eines Blackouts steigt von Woche zu Woche, denn das ostdeutsche Stromnetz steckt im Dauerstress. Der RWE-Manager Fritz Vahrenholt ist sich sicher: "Es gibt zwei Regionen, in denen es mit großer Wahrscheinlichkeit zu Engpässen kommt: um Berlin und Hamburg." (...)

Der Hauptgrund ist die Windkraft. Windenergie hat den Nachteil, dass sie mal kommt und mal nicht. In Ostdeutschland liefern Windräder und Photovoltaik bei voller Leistung mehr Strom als die Kohle- und Gaskraftwerke – so viel Naturstrom gibt es sonst nirgends in der Welt. Zwölf Gigawatt ostdeutsche Ökoenergie, das entspricht der Leistung zwölf kleiner Atomkraftwerke.
Wenn zugleich die Sonne scheint und der Wind kräftig weht, und wenn dann auch noch der industrielle Stromverbrauch niedrig ist, wie etwa während der kommenden Osterfeiertage, dann ist dieses Stromnetz folglich in der Lage der Mastgans, die derart gestopft wird, daß sie am Ende kollabiert:
Gefährlich wird es, wenn der Wind plötzlich heftig weht. Dann müssen zwölf Gigawatt Ökostrom schnell weg. Rund vier Gigawatt davon verbrauchen die Ostdeutschen selbst, höchstens fünf Gigawatt passen durch die drei Leitungen, die das ostdeutsche Höchstspannungsnetz mit dem westdeutschen System verbinden.
"Wahnsinn!" war das Wort des Jahres 1990. Daß ihnen als Folge der Wiedervereinigung dieser Öko-Wahnsinn aufgezwungen werden würde, hätten die Bürger der DDR vermutlich damals nicht gedacht.

Also wird die Regierung doch etwas tun, um dem Wahn wenigstens Grenzen zu setzen? Pustekuchen; jedenfalls, was den pustenden Wind angeht:
Unverdrossen lässt die Bundesregierung trotzdem den Ökostrom weiter ausbauen, mit üppigster Förderung. Tatsächlich bekommt Ostdeutschland jährlich gut ein Gigawatt Ökostrom dazu. Demnächst wird ein großer Offshore-Windpark in der Ostsee an das fragile Leitungsnetz angeschlossen.
Freilich kann es auch sein, daß die Sonne mal partout nicht scheinen will; daß statt eines kräftigen Windes Flaute herrscht. Was dann? Ganz einfach: Dann verwendet man wieder konventionell erzeugte Energie. Denn zu diesem ganzen Wahnsinn gehört, daß man die konventionellen Kraftwerke, die man ersetzen will, gar nicht ersetzen kann, weil sie für einen solchen Fall in Bereitschaft stehen müssen:
Selbst wenn die Stromwächter den Windstrom loswerden, müssen sie einkalkulieren, dass er plötzlich verschwindet oder zu stark wird. Ab einer Windgeschwindigkeit von 30 Metern je Sekunde stellen sich die Windräder ab, damit sie nicht umfallen. Es kann sein, dass den Kraftwerkern binnen einer Stunde plötzlich die Leistung von zwei Kernkraftwerken fehlt. Dann müssen sofort konventionelle Kraftwerke einspringen, sonst knallt es. Ostdeutschland braucht also einen Reservekraftwerkspark, der sofort zugeschaltet werden kann.
Though this be madness, yet there is method in't, heißt es im "Hamlet"; ist dies auch Wahnsinn, hat es doch Methode. Die Methode besteht hier darin, in gigantischem Umfang Geld aus den Taschen der Steuerzahler in die Taschen derer zu befördern, die sich Photovoltaik aufs Dach gesetzt haben, die "Windparks" betreiben. Ohne jede Vernunft; allein der Ideologie geschuldet.

Eine herrschende Ideologie dient in jedem System dazu, die Ideologen zu bereichern, auf Kosten der Bürger. So schamlos wie heute mit dem Wahnwitz der Solar- und der Windenergie hat selten eine herrschende Ideologie den Glauben der Gutgläubigen in klingende Münze verwandelt.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen bisherigen Folgen dieser Serie findet man hier. Titelvignette: Schiffe sinken im Sturm. Gemälde von Ludolf Backhuysen (ca 1630).

27.2.11

Mal wieder ein kleines Quiz: Von welchem Land ist hier die Rede?

Die *** Männer gewöhnen sich nur schwer daran, dass Frauen inzwischen in Cockpits, in Gerichtssälen und auf Baustellen genauso viel leisten wie am Herd oder im Klassenzimmer. Der *** Staatschef (...) fördert und motiviert die Frauen seines Landes konsequent. Er treibt die Emanzipation voran, bietet den *** Jobs, die in dem *** Land vor einigen Jahren Männersache waren. (...) "Diskriminierung zwischen Mann und Frau ist ein flagranter Akt der Unterdrückung, für den es keinerlei Rechtfertigung gibt", schreibt ***.

Quizfrage: Von welchem Land ist hier die Rede? Wie heißt der Staatschef, für den ich die *** eingesetzt habe; wie auch für das das Land?

Das ist wieder einmal eine offene Frage ohne vorgegebene Alternativen. Denn ich möchte Ihrer Phantasie keine Zügel anlegen.

Die Auflösung finden Sie wie immer in Zettels kleinem Zimmer.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an Daniel Fallenstein

Marginalie: Was in Frankreich schon reicht, damit eine Ministerin gehen muß. Michèle Alliot-Marie und der Guttenberg-Skandal

Die Affäre Guttenberg ist nicht mehr nur eine Affäre Guttenberg. Sie wird zunehmend eine Affäre Merkel.

Es ist unbegreiflich, wie die Kanzlerin an einem Minister festhalten kann, der vom Inhaber just jenes Lehrstuhls, an dem er promovierte, öffentlich ein Betrüger genannt wird (siehe "Für mich steht außer Frage, daß Herr Guttenberg ein Betrüger ist"; ZR vom 27. 2. 2011). Was muß denn noch passieren, bis ein Minister zurücktritt; oder, falls er auf seinem Stuhl hockt wie die Henne auf ihrem Nest, vom Bundespräsidenten entlassen wird? Auf Vorschlag der Kanzlerin; so, wie es das Grundgesetz vorsieht.



In Frankreich wird heute die Außenministerin Michèle Alliot-Marie sehr wahrscheinlich zurücktreten oder - nach anderen Quellen - im Rahmen einer Kabinettsumbildung ihr Amt verlieren. Für 20 Uhr hat Präsident Sarkozy eine Rede angekündigt. Als ihr wahrscheinlicher Nachfolger wird Alain Juppé gehandelt; derzeit Verteidigungsminister.

Alliot-Marie hat gewisse Ähnlichkeiten mit Guttenberg. Auch sie gilt als brillant und durchsetzungsstark. So, wie der Freiherr zu Guttenberg vom Wirtschafts- ins Verteidigungsministerium wechselte, ist sie eine Art Allzweckwaffe der gaullistischen Regierung. Sie hat schon fünf Ressorts vorgestanden: Erst dem Ministerium für Jugend und Sport, dann dem Verteidigungs-, dem Innen- und dem Justizministerium. Im vergangenen Jahr wurde sie als Nachfolgerin von Bernard Kouchner Außenministerin (siehe Der außerordentliche Außenminister Bernard Kouchner wird sehr wahrscheinlich zurücktreten; ZR vom 11. 10. 2010).

Warum tritt sie zurück oder wird sie abgelöst? Ihr wird im wesentlichen dies vorgeworfen:
  • Am 11. Januar, als in Tunesien Ben Ali noch an der Macht war und niemand mit einem Erfolg der Revolution rechnen konnte, sagte Alliot-Marie vor der Nationalversammlung:
    Nous proposons que le savoir-faire, reconnu dans le monde entier, de nos forces de sécurité, permette de régler des situations sécuritaires de ce type.

    Wir bieten an, daß die weltweit anerkannten Fähigkeiten unserer Sicherheitskräfte es erlauben, mit Sicherheits-Situationen dieser Art fertig zu werden.
    Frankreich hat bekanntlich immer wieder in Afrika interveniert, in zahlreichen Ländern. Das wurde kaum jemals beanstandet. Alliot-Marie hatte nur das Pech, daß Ben Ali floh und die Revolution siegte.

  • Zu ihrem Weihnachtsurlaub 2010 ist die Ministerin im Privatjet eines tunesischen Geschäftsmanns geflogen; von Aziz Miled, einem langjährigen Freund der Familie ihrer Eltern. Er flog ohnehin von Paris nach Tabarka in Tunesien, hatte in dem Flieger noch Plätze frei und lud die Ministerin und Familienangehörige ein, mitzufliegen. Azis Miled gilt als jemand, der gute Kontakte zu Ben Ali hatte.
  • Das ist alles. Dafür muß in Frankreich eine Ministerin gehen. Und in Deutschland darf ein Minister bleiben, der von jemandem, der Einblick hat, ein Betrüger genannt wird.

    Es ist beschämend. Mit ihrem Verhalten schadet die Kanzlerin nicht nur ihrer Regierung, sondern auch dem internationalen Ansehen Deutschlands.

    Was soll man denn von der politischen Kultur eines Landes halten, in dem ein Guttenberg in seinem Amt bleiben darf? Sind wir eine Bananenrepublik?



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

    Zitat des Tages: "Für mich steht außer Frage, daß Herr zu Guttenberg ein Betrüger ist". Das vernichtende Urteil eines Bayreuther Juristen

    Wir sind alle entsetzt. Wir sind einem Betrüger aufgesessen, und die Universität hat daraus die Konsequenzen gezogen und ihm den Grad aberkannt. Niemand hätte sich vorstellen können, mit welcher Dreistigkeit hier ein Plagiat eingereicht wurde. (...) Für mich steht außer Frage, daß Herr zu Guttenberg ein Betrüger ist. (...) Es ist einfach ein Ausmaß an Dreistigkeit, das wir noch nicht erlebt haben.

    Der Bayreuther Jurist Prof. Dr. Oliver Lepsius, heutiger Inhaber des Lehrstuhls, an dem Guttenberg promoviert hatte, gegenüber dem Bayrischen Rundfunk über Guttenbergs erschlichenen Doktorgrad.


    Kommentar: Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, mich zur Affäre Guttenberg nicht mehr zu äußern. Mir schien, daß alles gesagt ist.

    Aber was Lepsius gegenüber dem Reporter des Bayrischen Rundfunks geäußert hat, das ist sensationell. Weitere Kernsätze des Interviews:
    Jemand schreibt vierhundert Seiten, und das ist eine Collage. Das ist von Anfang an als Collage geplant. Das ist doch kein Versehen. Hier geht jemand bewußt vor. Der Mann hatte einen bewußten Vorsatz des Plagiierens. Mir ist vollkommen schleierhaft, wie er diesen Vorsatz bestreiten kann.
    Lepsius fragt sich deshalb, ob Guttenberg nicht ein Fall für den Psychologen ist:
    Mich würde - darf ich ehrlich sein - die Einschätzung eines Psychologen interessieren; was ein Psychologe zu einem solchen Fall von Wirklichkeitsverdrängung meint. (...)

    Das politische Berlin muß sich schon die Frage stellen, ob jemand das Amt eines Bundesministers ausüben kann, der X tut, aber in Abrede stellt, daß er X getan hat. Wer solch eine Selbsteinlassung vornimmt, von dem muß man fragen: Wenn er in diesem Fall nicht wußte, was er tut - weiß er's denn in anderen Fällen?
    Das Sensationelle ist, daß der Jurist Lepsius den Freiherrn explizit einen Betrüger nennt.

    Ich habe mich bisher nicht getraut, das in diesem Blog zu tun, ohne - wie das auch Thomas Oppermann im Bundestag gemacht hat - hinzuzufügen "im umgangssprachlichen Sinn" oder ähnlich. Denn Betrug im juristischen Sinn ist natürlich ein strafbares Delikt.

    Wenn der Jurist Lepsius jetzt Guttenberg ausdrücklich Betrug vorwirft, dann bringt er diesen in Zugzwang. Er kann wegen Verleumdung oder übler Nachrede klagen. Dann wird er vor Gericht den Beweis führen müssen, daß er nicht betrogen hat. Oder er kann das auf sich sitzen lassen. Dann wird künftig jeder Bürger, jeder Abgeordnete im Bundestag berechtigt sein, den Freiherrn einen Betrüger zu nennen.

    Auch ich werde das dann tun, es freudig tun. Ich habe mir solche Epitheta angewöhnt; zum Beispiel nenne ich Barack Obama gern Barack den Redner (Barack der Redner; ZR vom 4. 6. 2009). "Guttenberg der Betrüger", das scheint mir angemessen zu sein, sobald klar ist, daß Guttenberg nicht gegen Lepsius klagt.



    Die Kanzlerin sitzt da, als ginge sie die ganze Affäre nichts an. Dieser Skandal geht sie aber etwas an. Je länger sie dem Unvermeidlichen entgehen will und dem Bundespräsidenten nicht vorschlägt, diesen Minister zu entlassen, umso schlimmer wird es werden.

    Guttenberg scheint im Augenblick in einer starken Position zu sein, weil sich, nicht zuletzt dank der seltsamen Linie der "Bild"-Zeitung, die Bevölkerung noch nicht von ihm abgekehrt hat und weil die Union zähneknirschend hinter ihm steht, in diesem Superwahljahr.

    Das wird sich ändern; spätestens dann, wenn die offiziellen Berichte der beiden Kommissionen der Universität Bayreuth vorliegen, die jetzt mit dem Fall befaßt sind. Je länger die Kanzlerin Guttenberg, den ich wohl demnächst einen Betrüger nennen darf, zu halten versucht, umso mehr wird sie selbst in diese Affäre hineingezogen werden; eine der unappetitlichsten in der Geschichte der Bundesrepublik.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an Nola und Leibniz.

    26.2.11

    Aufruhr in Arabien (14): Die Stämme Libyens und ihre Rolle im jetzigen Machtkampf

    Diesen Bericht von Stratfor hätte ich gern in ZR übernommen; aber er ist leider nicht freigegeben und nur Abonnenten zugänglich. Im folgenden stütze ich mich auf diesen Artikel, ohne ihm in allem zu folgen; und ohne daß alles, was ich schreibe, ihn als Quelle hat.

    Libyen ist eine Stammesgesellschaft. Man kann sich über den Begriff "Stamm" streiten. Man kann auch von Clans oder Großfamilien sprechen. Am Sachverhalt ändert das nichts.

    Daß Gaddafi sich so lange - mehr als vierzig Jahre - an der Macht halten konnte, basiert wesentlich auf seiner Fähigkeit, sich mit den Stämmen zu arrangieren. Auch das, was im Westen an seinem Verhalten, an seinem bombastischen Auftreten skurril erscheint, ist auf die Mentalität der Stämme abgestimmt. Für die Araber und Berber, die diese Stämme ausmachen, ist keineswegs das lächerlich, was im Westen so wirkt.

    Von diesen Stämmen gibt es rund 140 in Libyen, davon 30 größere. Sie leben in den drei Teilen Libyens, die erst durch die italienische Kolonisierung zu einer künstlichen Einheit zusammengefaßt worden sind (siehe Die aktuelle Lage in den arabischen Ländern und im Iran. Teil 3: Libyen; ZR vom 21. 2. 2011): Tripolitanien, die Cyrenaika und Fezzan.

    Fezzan liegt im Landesinneren; Tripolitanien (im Westen) und die Cyrenaika (im Osten) sind die beiden Küstenregionen, die durch rund 800 km Wüste voneinander getrennt sind; die Cyrenaika reicht allerdings auch ins Landesinneres hinein, also in die Sahara. Die Trennung zwischen diesen Regionen ist uralt. Schon im 11. Jahrhundert wurden die Cyrenaika und Tripolitanien von verschiedenen Stämmen bewohnt; den Banu Hilal und den Banu Salim.

    Der Putsch von Gaddafi und anderen Offizieren 1969 bedeutete auch eine Verschiebung des Machtzentrums von der Cyrenaika nach Tripolitanien. König Idris (der I. und Letzte; siehe Die aktuelle Lage in den arabischen Ländern und im Iran. Teil 3: Libyen; ZR vom 21. 2. 2011) war ein Herrscher aus der Cyrenaika gewesen, wo der Sanussi-Orden, eine sufitische, 1842 gegründete Religionsgemeinschaft dominierte, dem er angehörte. Gaddafis Machtzentrum war und ist Tripolitanien, wo sein Stamm siedelt.

    Die Cyrenaika ist nach Ägypten hin orientiert, Tripolitanien in Richtung Maghreb. Man kann das mit der Ukraine vergleichen, deren östlicher Teil sich nach Rußland orientiert, der westliche nach Polen. Zwei Länder in einem Staat.

    Die Stämme des Fezzan sind zahlenmäßig von geringerer Bedeutung - aber auf ihrem Gebiet, plus dem Sahara-Teil der Cyrenaika, lagert das Öl.



    Der Gaddafi-Stamm besteht aus sechs Teilstämmen, die im östlichen Teil von Tripolitanien beheimatet sind. Er spielte vor dem Putsch von 1969 keine sehr große Rolle, auch nicht im Unabhängigkeitskampf gegen Italien. Aber seine Mitglieder waren stark im Militär vertreten, vor allem in der Luftwaffe, der auch der damalige Hauptmann (er ernannte sich später selbst zum Obersten) Gaddafi angehörte.

    Wie jedes Mitglied einer Stammesgesellschaft hat Gaddafi hauptsächlich Leute aus seinem Stamm in die Machtpositionen gebracht; ähnlich, wie Saddam Hussein Verwandte aus Tikrit. Da der Stamm der Gaddafi aber zu klein ist, mußte Gaddafi eine Allianz mit zwei anderen, mächtigen Stämmen aus dem Westen Libyens eingehen, den Warfallah und den Magariha.

    Die Warfallah sind der größte Stamm Libyens mit mehr als einer Million Menschen; und sie sind mit den Gaddafi blutsverwandt. Wichtig für das Verständnis der jetzigen Vorgänge ist, daß dieses Bündnis jetzt zerbrochen ist. Die Warfallah haben sich von Gaddafi losgesagt. Vor allem nachdem Gaddafi afrikanische Söldner gegen die Opposition eingesetzt hat, sind viele von ihnen - vor allem aus dem Teilstamm der Bani Walid - zur Opposition übergelaufen.

    Die Magariha, der zweite bisher mit Gaddafi verbündete große Stamm, siedeln (bzw. nomadisieren) im Fezzan, also im westlichen Landesinneren. Der starke Mann dieses Stamms ist Oberst Abdullah al-Sanussi, Gaddafis Sicherheitschef, der unter anderem den Lockerbie-Anschlag organisierte. Er ist mit Gaddafi durch Heirat verwandt und gilt als ein brutaler Mann. Beispielsweise ließ er 1996 im Gefängnis Abu Salim rund hundert islamistische Gefangene gleichzeitig hinrichten.

    Al-Sanussi hält weiter zu Gaddafi und ist der Hauptverantwortliche für die Massaker der vergangenen Tage. Andere Mitglieder des Magariha-Stamms haben sich aber offenbar inzwischen der Opposition angeschlossen.

    Es gibt weitere, überwiegend nomadisierende Stämme, die sich aus den jetzigen Unruhen weitgehend heraushalten; dazu gehören die Tuareg und die Tubu, die Gaddafi bisher mit Geldzahlungen ruhiggestellt hat. Sie könnten sich aber leicht der Opposition anschließen, wenn sie darin einen Vorteil für sich sehen.

    Gaddafi ist damit in einer äußerst prekären Situation. Auf seinen eigenen Stamm kann er sich weiter verlassen. Im Westen sind ihm aber die Warfallah und zum Teil die Margariha von der Fahne gegangen, und in der Cyrenaika herrschen der Sanussi-Orden und die Kaida.



    Kommentar: Es wird wieder einmal deutlich, wie grotesk irreführend das Schema "Das Volk erhebt sich gegen eine Diktatur" auch hier ist. Natürlich ist Gaddafi ein blutiger sozialistischer Diktator. Aber unter dem Firnis seines "islamischen Sozialismus" sind die alten Strukturen erhalten geblieben.

    Er wollte das Land in den Sozialismus führen, wie einst Mugabe in Zimbabwe, Nyerere in Tansania, Kwame Nkrumah in Ghana und so viele andere. Alle sind sie gescheitert; alle haben sie ihr Land nur in Armut und Unterdrückung geführt.

    Ist der Sozialismus besiegt, dann kehren die die alten sozialen und politischen Strukturen zurück. Rußland wurde wieder ein Feudalstaat. Polen ist wieder ein katholisches Land. Die Tschechoslowakei zerfiel; das ebenfalls künstliche Gebilde Jugoslawien löste sich in Kriegen auf.

    Libyen ist ein Kunstgebilde seit 1911, als Italien sich drei Provinzen des Osmanischen Reichs zusammenraubte. Es ist ein sozialistisches Land, von dem jetzt der Sozialismus abfällt wie Putz von einem alten Haus. Jetzt finden wieder die alten Machtkämpfe statt.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Großmoschee von Kairouan, Tunesien. Vom Autor Wotan unter Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0-Lizenz freigegeben. Bearbeitet. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier.

    Lernen Studenten die Wissenschaft kennen? Subjektive Überlegungen, persönliche Erfahrungen. Nebst einer Anmerkung zur Ethik

    Die meisten Deutschen scheinen an dem Verhalten des früheren Doktors zu Guttenberg, das nach allen akademischen Maßstäben skandalös ist, weiter nichts zu finden. Er hat nach Strich und Faden - so nennt das die Umgangssprache nun einmal - betrogen. Na und? scheinen da viele zu denken. Schulterzucken.

    Mir erscheint das erklärungsbedürftig. In den USA wäre so etwas undenkbar. Kein Politiker würde es da in seinem Amt oder Mandat überleben, als akademischer Betrüger entlarvt worden zu sein. Nicht anders wäre es in Frankreich oder im Vereinigten Königreich.

    Woher diese Nachlässigkeit, diese Wurschtigkeit gegenüber dem Fall Guttenberg in Deutschland?

    Teils mag das an der besonderen Rolle dieses Mannes in der deutschen Politik liegen, mit der ich mich in früheren Artikeln befaßt habe (siehe Guttenbergs Glanz. Guttenbergs Fall. Glamour, Enttäuschung, kognitive Dissonanz; ZR vom 21. 2. 2011, sowie Der Lügenbaron vor dem Bundestag. Tartuffe Guttenberg; ZR vom 23. 11. 2011). Aber mir scheint, das reicht zur Erklärung nicht aus.

    Mir will es scheinen, daß viele Deutsche Guttenbergs Versuch, sich den Doktortitel zu erschleichen, deshalb als gar nicht so schlimm ansehen, weil sie denken, daß es ohnehin in der Wissenschaft unsauber zugeht. Mein Gott, er hat halt das gemacht, was alle machen; nur hatte er das Pech, erwischt zu werden.



    Die Causa Guttenberg wirft insofern ein Licht auf die Art, wie Wissenschaft im heutigen Deutschland von Außenstehenden wahrgenommen wird. Diese Wahrnehmung ist das Ergebnis von vierzig Jahren einer Entwicklung, die mit marxistischer Kritik an der "bürgerlichen Wissenschaft" begann und die dann in eine feministisch-ökologistisch geprägte Kritik an der "Männerwissenschaft", am "Machbarkeitswahn", an einer vorgeblichen "Faktenhuberei" und dergleichen überging.

    Ab ungefähr 1970 wurde das auf Karl Marx zurückgehende Wort "Fachidiot" populär. Der Fachidiot versteht sein Fach und ist ansonsten borniert. Und natürlich ist er käuflich; finanziert doch das Kapital einen Teil der Forschung, ist doch auch der Staat als Träger von Universitäten der Büttel des Kapitals.

    Dieser Wissenschaftler, der im Dienst von Interessen steht, tut das, was seine Auftraggeber verlangen. Er "findet heraus", was sie hören und lesen wollen; so verkündet man es. Daß es der Wissenschaft um Wahrheit gehe, wird als Schein entlarvt; dahinter stehen doch immer Interessen. Oh ja, man blickt durch. Man guckt hinter die Kulissen. Man läßt sich doch kein X für ein O vormachen.

    Kommunisten verbreiten dieses Bild, weil ihnen jede offene, ehrliche Wissenschaft ein Dorn im Auge ist; Wissenschaft muß aus marxistischer Sicht bekanntlich parteilich sein. Viele, sehr viele plappern es ihnen nach. Nicht nur am linken, sondern auch am rechten Rand ist der Generalverdacht weit verbreitet, daß es in der Wissenschaft nicht ehrlich zugehe. Verbreitet bis jeweils weit in die Mitte hinein.

    Wenn viele in der Wissenschaft tricksen und täuschen - was soll man es da einem Guttenberg vorhalten, daß er mit den Wölfen heult? So dürften viele denken.

    Nur gibt es diese Wölfe nicht. Das Bild von der Wissenschaft, das diese Kritiker entwerfen, ist lächerlich. Es ist so lächerlich wie die Vermutung, die deutschen Notare würden in der Regel bewußt falsch beurkunden, oder die meisten deutschen Beamten wären durch ein paar ihnen diskret überreichte 100-Euro-Noten zu jeder Gefälligkeit zu bewegen.

    Wir leben aber nicht in einer korrupten Bananenrepublik. Auch nicht, was die Wissenschaft angeht.

    Warum denken das aber nicht nur diejenigen, die Wissenschaft nie selbst erlebt haben? Wieso auch Menschen, die studiert haben oder studieren? Wieso haben ihre akademischen Lehrer ihnen kein richtiges Bild davon vermitteln können, wie Wissenschaft funktioniert?



    Als ich in den sechziger Jahren studierte, hatte ich das Glück, vom ersten Semster an mit Wissenschaftlern in Kontakt zu kommen.

    Die Vorlesungen, die Praktika und die Übungen waren damals zwar meist so überfüllt wie heute; aber die Größenordnung war eine andere. Die Räume waren klein, oft winzig; es gab wenig Lehrpersonal. Aber in einem typischen naturwissenschaftlichen Fach gab es an einer Universität vielleicht 20 Studienanfänger pro Semester.

    Sie wurden - so habe ich es erlebt - vom Institutsdirektor angeschrieben und zu einem Gespräch eingeladen, damit man sich kennenlernen konnte. Diese Institute waren oft in angemieteten Häusern oder Wohnungen untergebracht; beliebt waren Villen mit diesem typischen Grundriss eines zentralen Flurs, um den herum die Zimmer angeordnet sind. Dort hatte dann der Professor sein Zimmer, daneben sein Assistent (es war selten mehr als einer, allenfalls zwei) und die Doktoranden, die als Hilfskräfte einen großen Teil der Lehre trugen.

    Man wuchs vom ersten Semester an in diese wissenschaftliche Gemeinschaft hinein. Experimentalpraktika wurden von den Doktoranden durchgeführt, die von den Anfängern kleinere Experimente aus ihrer eigenen Forschung machen ließen. Man diskutierte mit den Doktoranden und Assistenten. Der Chef ging von Experiment zu Experiment; man konnte auch ihn fragen und mit ihm diskutieren.

    So habe ich das wissenschaftliche Handwerk gelernt, das in dieser Zeit vor der Ära der Laborrechner wirklich noch ein Handwerk war. Fast jedes Institut hatte seine eigene Werkstatt, in der Elektriker, Werkzeugmacher usw. die Forschungsgeräte bauten.

    Und dabei habe ich eben auch - ohne daß man mir das ausdrücklich predigen mußte - die Ethik der Wissenschaft gelernt. Ich habe gelernt, wie penibel man mit Daten umgehen muß. Ich habe gelernt, daß streng zwischen Versuchsergebnissen und deren Interpretation zu unterscheiden ist.

    Und es war selbstverständlich, daß man sich nicht mit fremden Federn schmücken durfte. Das Plagiat wäre dabei die äußerste Form gewesen; so völlig unakzeptabel, daß das eigentlich gar nicht diskutiert zu werden brauchte. Aber ich lernte auch, daß man dann, wenn man von einem anderen Wissenschaftler auch nur einen Gedanken übernimmt, dies in der betreffenden Arbeit anerkennen muß. Wenn man diese Idee aus einem Gespräch mit dem Betreffenden hat, dann schreibt man zum Beispiel eine Fußnote "Persönliche Mitteilung von Herrn Dr. XYZ" oder dergleichen.

    Während ich dann später an den Experimenten zu meiner Dissertation arbeitete, habe ich einmal einem Professor an einer anderen Universität von einer Versuchsidee erzählt, die ich gerade ausprobierte. Später stellte ich fest, daß er sofort ins Labor gegangen war, das Experiment selbst gemacht hatte und es vor mir publizierte.

    Ich war selbst schuld gewesen; ich hätte ihm das ja nicht erzählen müssen. Aber der Mann war in meinen Augen erledigt. Ich habe kein Wort mehr mit ihm gewechselt. Wohl aber habe ich die Sache herumerzählt; und ich hoffe, es hat seinem Ruf geschadet.



    Ehrlichkeit, Offenheit und das Anerkennen der Leistung anderer sind die Grundlage jeder Wissenschaft. Sie kann nicht anders funktionieren. Eine betrügerische Wissenschaft geht zugrunde. Sie scheitert an der Realität.

    Daß diejenigen, die nicht studiert haben, das nicht wissen, ist ihnen nicht anzulasten. Warum wissen es aber heutzutage auch viele von denen nicht, die studiert haben oder die noch studieren?

    Es liegt, wie anders, am heutigen Studienbetrieb. Die bescheidene Idylle, die ich aus meiner Zeit als Studienanfänger geschildert habe, ist eben Vergangenheit; Postkutschenzeit.

    Vor ein paar Jahren ist es mir passiert, daß mich ein Student auf dem Gang fragte: "Wo sitzt denn der Professor Zettel? Ich habe bei dem jetzt Prüfung". Gut, das war ein Extremfall. Irgendwann einmal gesehen haben mich die meisten meiner Studenten vor dem Examen; aber mit vielen hatte ich nie ein Wort gewechselt, bevor sie zur Prüfung erschienen.

    Diese Studienanfänger wachsen nicht mehr in den Wissenschaftsbetrieb hinein. Und für viele bleibt das so, bis sie ihr Abschlußexamen machen. Sie stecken ihre Köpfe in die Lehrbücher. Sie bimsen die Ergebnisse der Wissenschaft. Sie lassen sich diese von Lehrenden eintrichtern, für welche die Lehre eine lästige Pflicht ist.

    Diese Studenten erleben die Wissenschaft nicht als den Prozeß der Forschung, sondern als eine Ansammlung von Lernmaterial. Da sie nicht wissen, wie tatsächlich geforscht wird, glauben sie jede Verdrehung über die Wissenschaft. Sie sind anfällig für antiwissenschaftliche Propaganda, auch wenn sie selbst am Ende einen wissenschaftlichen Abschluß haben.



    Was kann man dagegen tun? Die Rezepte sind jedem bekannt: Ein günstigeres numerisches Verhältnis von Lehrenden zu Lernenden. Mehr Engagement der Professoren in der Lehre. Eine strengere Auslese bei den Studierenden, so daß an die besten Universitäten auch nur die besten Studenten kommen.

    Mit anderen Worten: Es so machen wie im amerikanischen System der privaten Universitäten, die sich u.a. aus Studiengebühren finanzieren. Also geht das nicht in einem Land, in dem die bescheidenen Versuche, Studiengebühren einzuführen, schon wieder zum Teil kassiert werden.

    Professoren sind dann daran interessiert, hervorragende Lehre anzubieten, wenn die ganze Universität daran interessiert ist. Diese ist es dann, wenn sie ein Interesse daran hat, die besten Studenten anzuziehen. Private Universitäten haben das, weil mit ihrem Ansehen auch ihre Einnahmen wachsen. Staatlichen Hochschulen kann das in der Regel weitgehend egal sein.

    Trotz einer "Exzellenzinitiave" hier und da. Das verhält sich zur freien Konkurrenz zwischen den Hochschulen wie die Titel, Medaillen und Belobigungen in der DDR zur Marktkonkurrenz als motivierendem Faktor. Wenn der Student für die Lehre zahlt, so wie man für jede Dienstleistung einen angemessenen Preis zahlen muß, dann ist er Kunde und wechselt gegenbenfalls den Anbieter, wenn er mit der Leistung nicht zufrieden ist. Wenn ihm die akademische Lehre vom Staat geschenkt wird, dann muß er sie hinnehmen. Einem geschenkten Gaul schaut man bekanntlich nicht ins Maul.

    Solange die deutschen Universitäten so sind, wie sie sind - was kann man tun, um Studenten ein richtiges Bild von wissenschaftlicher Forschung zu vermitteln? Man kann zum Beispiel in Vorlesungen etwas tun.

    Viele Professoren delegieren die Vorlesungen für Anfänger an ihre Mitarbeiter. Ich habe sie immer selbst gehalten; denn nichts ist wichtiger, als Studenten schon ganz am Anfang ihres Studiums ein richtiges Verständnis von Wissenschaft nahezubringen. Man darf dann freilich nicht aus den eigenen Werken vorlesen; sondern man muß den Studenten an Beispielen zeigen, wie Forschung funktioniert und warum sie so ist, wie sie ist. Studienanfänger sind begeisterungsfähig. In der Regel wird ihnen die Begeisterung schnell ausgetrieben.



    Die Wurschtigkeit, die ethische Indifferenz, mit der viele Deutsche offenkundig auf die Verfehlungen des gescheiterten Doktors reagieren, hat aber wohl noch einen anderen Grund: Man nimmt es ja selbst nicht so genau. Man versucht hier zu tricksen und dort zu täuschen - warum soll man das nicht auch dem Freiherrn zubilligen?

    Auch diese Haltung geht auf die Zeit um 1970 und danach zurück. Damals kursierte nicht nur das Wort "Fachidiot", sondern man konnte auch ein Buch mit dem Titel "Klau mich" kaufen. Nein, natürlich nicht kaufen. Man tat das, was auf dem Umschlag stand. Mir hat ein Dokorand einmal, leicht angeheitert, erzählt, daß er alle Bücher während seines Studiums "geklaut" hätte. Er dachte offenbar, ich würde das lustig finden. Ich fand es aber nur beschämend.

    Man war damals stolz darauf, die "bürgerliche Moral" über Bord zu werfen. "Man darf das alles nicht so eng sehen" wurde zu einem beliebten Spruch. Der Freiherr, der nachfolgenden Generation entstammend, hat es nicht so eng gesehen.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Wilhelm v. Humboldt, der das Konzept der Universität als Ort der Einheit von Forschung und Lehre entwickelte; Stich aus der Sammlung der Humboldt-Universität Berlin.

    25.2.11

    Aufruhr in Arabien (13): Berlusconi und Gaddafi - nur eine Männerfreundschaft? Nein, es geht um Interessen

    Politik wird von den Medien gern auf's Menschliche heruntergebrochen. Italien verfolgt in Sachen Libyen eine andere Linie als die meisten Staaten der EU. Warum? Ja, das ist doch klar: Berlusconi ist Gaddafis Freund.

    Beide Exzentriker, nicht wahr? Sogar geküßt haben sie sich! Und so schrieb denn beispielsweise gestern die "Rheinische Post", illustriert mit einem Kuß-Foto:
    Die blutigen Unruhen in Libyen stellen im europäischen Ausland vor allem einen auf die Probe: Italiens Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi. Denn dieser bezeichnete den Machthaber Muammar al Gaddafi immer wieder als seinen Freund. Eine Freundschaft, die nicht nur durch bilaterale Verträge, sondern auch von exzentrischen Auftritten geprägt ist.
    Und seit heute um 15.56 Uhr ist bei "Spiegel-Online" dies zu lesen:
    Das war eine wahre Männerfreundschaft! Muammar al-Gaddafi, der selbsternannte "Revolutionsführer" Libyens lud seinen "amico" aus Rom, Regierungschef Silvio Berlusconi, sogar in seinen Harem ein und lehrte ihn "Bunga Bunga"-Sexspielchen. Berlusconi revanchierte sich auf seine Weise. Er küsste beim Treffen arabischer Staatschefs im libyschen Sirte im vorigen Frühjahr dem "Rais" zur Begrüßung die Hand - eine Geste, wie sie sonst nur dem Papst widerfährt.

    Lange hielt der Italiener seinem transmediterranen Kumpel die Treue. Noch vergangene Woche, als Gaddafi daheim schon demonstrierende Bürger niederschießen und bombardieren ließ, weigerte sich Berlusconi, ein kritisches Wort zu sagen.
    Tja, so ist er eben, der Berlusconi. Und so stellt sich der kleine Moritz - Hans-Jürgen Schlamp ist diesmal sein Name, langjähriger "Spiegel"-Korrespondent, zuvor beim WDR - die Politik vor.



    Über die tatsächlichen Hintergründe des besonderen Verhältnisses Italiens zu Libyen informiert, präzise und konkret wie stets, Stratfor. (Der Artikel ist nur Abonnenten zugänglich):

    Am vergangenen Dienstag telefonierte Berlusconi mit Gaddafi. Es scheint kein sehr freundliches Gespräch gewesen zu sein; nach Berichten in der italienischen Presse ging es unter anderem um die (laut Berlusconi falsche) Behauptung Gaddafis, Aufrührer hätten Waffen italienischer Herkunft eingesetzt.

    Nun gut, man kennt den Inhalt solcher Gespräche im allgemeinen nicht. Vorgestern jedenfalls erklärte der italienische Außenminister Franco Frattini, Gaddafi hätte unter der Bevölkerung Ostlibyens ein "entsetzliches Blutbad" angerichtet.

    Daß der Außenminister Gaddafi so massiv angriff, nachdem sein Ministerpräsident gerade mit diesem telefoniert hatte, illustriert die widersprüchliche Interessenlage Italiens:

    Es ist einerseits, aufgrund der historischen Verbindungen zu Libyen, dessen hauptsächlicher europäischer Partner (siehe zum Geschichtlichen Die aktuelle Lage in den arabischen Ländern und im Iran. Teil 3: Libyen; ZR vom 21. 2. 2011). Solange Gaddafi nun einmal an der Macht ist, darf man den Gesprächsfaden nicht gänzlich abreißen lassen. Das liegt auch im Interesse der EU, für die Italien in Bezug auf Libyen federführend ist.

    Auf der anderen Seite muß auch Italien sich auf einen Sturz Gaddafis einstellen. Seine beiden Hauptinteressen sind, daß es dabei nicht zu einem massiven Exodus von Libyern nach Italien kommt (die Insel Lampedusa liegt nur 225 Kilometer von der libyschen Küste entfernt) und daß seine Investitionen in Libyen nicht gefährdet werden.

    Diese sind beträchtlich. Italiens halbstaatlicher Energieriese ENI hat nirgends im Ausland mehr investiert als in Libyen. Gemeinsam mit der staatlichen libyschen Gesellschaft NOC betreibt es eine Erdgasleitung mit einer Kapazität von 11 Milliarden Kubikmetern im Jahr. Täglich produziert die ENI rund 250.000 Barrel Rohöl in Libyen; 15 Prozent ihrer gesamten Produktion.

    Italien braucht also eine Doppelstrategie: Es muß weiter Kontakt zu Gaddafi halten (auch im Auftrag der EU) und zugleich diese seine eigenen Interessen für eine eventuelle Zeit nach Gaddafi wahren.

    Diese Zeit könnte schwierig werden. In Ostlibyen ist inzwischen ein "Islamisches Emirat Bengasi" gegründet worden; einen wesentlichen Anteil am dortigen Aufstand dürfte die Kaida haben (siehe "Noch nie waren die Dschihadisten in Libyen so gut bewaffnet wie jetzt"; ZR vom 25. 2. 2011). Ein islamistischer Teilstaat vor den Toren Europas wäre eine Bedrohung nicht nur für Italien, sondern für die ganze EU.

    Frattini hat darauf hingewiesen, daß im Fall einer Verschlimmerung der Lage in Libyen mit 200.000 bis 300.000 Flüchtlingen gerechnet werden müsse. Italien bleibt auch dann wieder vermutlich auf diesem Problem sitzen. Einerseits gibt es in anderen Staaten der EU wenig Bereitschaft, ihm einen Teil der Flüchtlinge abzunehmen; zuletzt vor allem aus Tunesien. Andererseits werden Maßnahmen zum Schutz vor einem Flüchtlingsstrom von anderen EU-Staaten hintertrieben; der deutsche Außenminister hat das bei den Flüchtlingen aus Tunesien vorexerziert.

    Daß Frattini Albanien erwähnt, sei instruktiv, schreibt Stratfor. Denn als auch noch Jahre nach der Revolution gegen die kommunistische Herrschaft in Albanien im Jahr 1997 das Chaos drohte, war es Italien, das eine UN-Streitmacht von 7.000 Mann führte, die dort Ordnungsaufgaben übernahm.

    Wäre so etwas auch bei einem Chaos in Libyen nach einem Sturz Gaddafis möglich? Stratfor ist skeptisch und verweist auf die schiere Größe des Landes. Andererseits werde Rom sich um eine internationale Lösung bemühen müssen, die möglichst viele Staaten der UN und der NATO mit einbezieht.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Großmoschee von Kairouan, Tunesien. Vom Autor Wotan unter Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0-Lizenz freigegeben. Bearbeitet. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier.

    Stratfors Analysen: "Noch nie waren die Dschihadisten in Libyen so gut bewaffnet wie jetzt". Scott Stewart über die Vorgänge in Ostlibyen

    As George Friedman noted in his geopolitical weekly “Revolution and the Muslim World,” one aspect of the recent wave of revolutions we have been carefully monitoring is the involvement of militant Islamists, and their reaction to these events.

    Militant Islamists, and specifically the subset of militant Islamists we refer to as jihadists, have long sought to overthrow regimes in the Muslim world. With the sole exception of Afghanistan, they have failed, and even the rise of the Taliban in Afghanistan was really more a matter of establishing a polity amid a power vacuum than the true overthrow of a coherent regime. The brief rule of the Supreme Islamic Courts Council in Somalia also occurred amid a similarly chaotic environment and a vacuum of authority.

    However, even though jihadists have not been successful in overthrowing governments, they are still viewed as a threat by regimes in countries like Tunisia, Egypt and Libya. In response to this threat, these regimes have dealt quite harshly with the jihadists, and strong crackdowns combined with other programs have served to keep the jihadists largely in check.

    As we watch the situation unfold in Libya, there are concerns that unlike Tunisia and Egypt, the uprising in Libya might result not only in a change of ruler but also in a change of regime and perhaps even a collapse of the state. In Egypt and Tunisia, strong military regimes were able to ensure stability after the departure of a long-reigning president. By contrast, in Libya, longtime leader Moammar Gadhafi has deliberately kept his military and security forces fractured and weak and thereby dependent on him. Consequently, there may not be an institution to step in and replace Gadhafi should he fall. This means energy-rich Libya could spiral into chaos, the ideal environment for jihadists to flourish, as demonstrated by Somalia and Afghanistan.

    Because of this, it seems an appropriate time to once again examine the dynamic of jihadism in Libya.


    A Long History

    Libyans have long participated in militant operations in places like Afghanistan, Bosnia, Chechnya and Iraq. After leaving Afghanistan in the early 1990s, a sizable group of Libyan jihadists returned home and launched a militant campaign aimed at toppling Gadhafi, whom they considered an infidel. The group began calling itself the Libyan Islamic Fighting Group (LIFG) in 1995, and carried out a low-level insurgency that included assassination attempts against Gadhafi and attacks against military and police patrols.


    Gadhafi responded with an iron fist, essentially imposing martial law in the Islamist militant strongholds of Darnah and Benghazi and the towns of Ras al-Helal and al-Qubbah in the Jabal al-Akhdar region. After a series of military crackdowns, Gadhafi gained the upper hand in dealing with his Islamist militant opponents, and the insurgency tapered off by the end of the 1990s. Many LIFG members fled the country in the face of the government crackdown and a number of them ended up finding refuge with groups like al Qaeda in places such as Afghanistan.

    While the continued participation of Libyan men in fighting on far-flung battlefields was not expressly encouraged by the Libyan government, it was tacitly permitted. The Gadhafi regime, like other countries in the region, saw exporting jihadists as a way to rid itself of potential problems. Every jihadist who died overseas was one less the government had to worry about. This policy did not take into account the concept of “tactical Darwinism,” which means that while the United States and its coalition partners will kill many fighters, those who survive are apt to be strong and cunning. The weak and incompetent have been weeded out, leaving a core of hardened, competent militants. These survivors have learned tactics for survival in the face of superior firepower and have learned to manufacture and effectively employ new types of highly effective improvised explosive devices (IEDs).

    In a Nov. 3, 2007, audio message, al Qaeda No. 2 Ayman al-Zawahiri reported that the LIFG had formally joined the al Qaeda network. This statement came as no real surprise, given that members of the group have long been close to al-Zawahiri and Osama bin Laden. Moreover, the core al Qaeda group has long had a large number of Libyan cadre in its senior ranks, including men such as Abu Yahya al-Libi, Anas al-Libi, Abu Faraj al-Libi (who reportedly is being held by U.S. forces at Guantanamo Bay) and Abu Laith al-Libi, who was killed in a January 2008 unmanned aerial vehicle strike in Pakistan.

    The scope of Libyan participation in jihadist efforts in Iraq became readily apparent with the September 2007 seizure of a large batch of personnel files from an al Qaeda safe house in the Iraqi city of Sinjar. The Sinjar files were only a small cross-section of all the fighters traveling to Iraq to fight with the jihadists, but they did provide a very interesting snapshot. Of the 595 personnel files recovered, 112 of them were of Libyans. This number is smaller than the 244 Saudi citizens represented in the cache, but when one considers the overall size of the population of the two countries, the Libyan contingent represented a far larger percentage on a per capita basis. The Sinjar files suggested that a proportionally higher percentage of Libyans was engaged in the fighting in Iraq than their brethren from other countries in the region.

    Another interesting difference was noted in the job-description section of the Sinjar files. Of those Libyan men who listed their intended occupation in Iraq, 85 percent of them listed it as suicide bomber and only 13 percent listed fighter. By way of comparison, only 50 percent of the Saudis listed their occupation as suicide bomber. This indicates that the Libyans tended to be more radical than their Saudi counterparts. Moroccans appeared to be the most radical, with more than 91 percent of them apparently desiring to become suicide bombers.

    The Libyan government’s security apparatus carefully monitored those Libyans who passed through the crucible of fighting on the battlefield in places like Iraq and Afghanistan and then returned to Libya. Tripoli took a carrot-and-stick approach to the group similar to that implemented by the Saudi regime. As a result, the LIFG and other jihadists were unable to pose a serious threat to the Gadhafi regime, and have remained very quiet in recent years. In fact, they were for the most part demobilized and rehabilitated.

    Gadhafi’s son, Seif al-Islam, oversaw the program to rehabilitate LIFG militants, which his personal charity managed. The regime’s continued concern over the LIFG was clearly demonstrated early on in the unrest when it announced that it would continue the scheduled release from custody of LIFG fighters.

    The Sinjar reports also reflected that more than 60 percent of the Libyan fighters had listed their home city as Darnah and almost 24 percent had come from Benghazi. These two cities are in Libya’s east and happen to be places where some of the most intense anti-Gadhafi protests have occurred in recent days. Arms depots have been looted in both cities, and we have seen reports that at least some of those doing the looting appeared to have been organized Islamists.

    A U.S. State Department cable drafted in Tripoli in June 2008 made available by WikiLeaks talked about this strain of radicalism in Libya’s east. The cable, titled “Die Hard in Derna,” was written several months after the release of the report on the Sinjar files. Derna is an alternative transliteration of Darnah, and “Die Hard” was a reference to the Bruce Willis character in the Die Hard movie series, who always proved hard for the villains to kill. The author of the cable, the U.S. Embassy’s political and economic officer, noted that many of the Libyan fighters who returned from fighting in transnational jihad battlefields liked to settle in places like Darnah due to the relative weakness of the security apparatus there. The author of the cable also noted his belief that the presence of these older fighters was having an influence on the younger men of the region who were becoming radicalized, and the result was that Darnah had become “a wellspring of foreign fighters in Iraq.” He also noted that some 60-70 percent of the young men in the region were unemployed or underemployed.

    Finally, the author opined that many of these men were viewing the fight in Iraq as a way to attack the United States, which they saw as supporting the Libyan regime in recent years. This is a concept jihadists refer to as attacking the far enemy and seems to indicate an acceptance of the transnational version of jihadist ideology — as does the travel of men to Iraq to fight and the apparent willingness of Libyans to serve as suicide bombers.


    Trouble on the Horizon?

    This deep streak of radicalism in eastern Libya brings us back to the beginning. While it seems unlikely at this point that the jihadists could somehow gain control of Libya, if Gadhafi falls and there is a period of chaos in Libya, these militants may find themselves with far more operating space inside the country than they have experienced in decades. If the regime does not fall and there is civil war between the eastern and western parts of the country, they could likewise find a great deal of operational space amid the chaos. Even if Gadhafi, or an entity that replaces him, is able to restore order, due to the opportunity the jihadists have had to loot military arms depots, they have suddenly found themselves more heavily armed than they have ever been inside their home country. And these heavily armed jihadists could pose a substantial threat of the kind that Libya has avoided in recent years.

    Given this window of opportunity, the LIFG could decide to become operational again, especially if the regime they have made their deal with unexpectedly disappears. However, even should the LIFG decide to remain out of the jihad business as an organization, there is a distinct possibility that it could splinter and that the more radical individuals could cluster together to create a new group or groups that would seek to take advantage of this suddenly more permissive operational environment. Of course, there are also jihadists in Libya unaffiliated with LIFG and not bound by the organization’s agreements with the regime.

    The looting of the arms depots in Libya is also reminiscent of the looting witnessed in Iraq following the dissolution of the Iraqi army in the face of the U.S. invasion in 2003. That ordnance not only was used in thousands of armed assaults and indirect fire attacks with rockets and mortars, but many of the mortar and artillery rounds were used to fashion powerful IEDs. This concept of making and employing IEDs from military ordnance will not be foreign to the Libyans who have returned from Iraq (or Afghanistan, for that matter).

    This bodes ill for foreign interests in Libya, where they have not had the same security concerns in recent years that they have had in Algeria or Yemen. If the Libyans truly buy into the concept of targeting the far enemy that supports the state, it would not be out of the realm of possibility for them to begin to attack multinational oil companies, foreign diplomatic facilities and even foreign companies and hotels.

    While Seif al-Islam, who certainly has political motives to hype such a threat, has mentioned this possibility, so have the governments of Egypt and Italy. Should Libya become chaotic and the jihadists become able to establish an operational base amid the chaos, Egypt and Italy will have to be concerned about not only refugee problems but also the potential spillover of jihadists. Certainly, at the very least the weapons looted in Libya could easily be sold or given to jihadists in places like Egypt, Tunisia and Algeria, turning militancy in Libya into a larger regional problem. In a worst-case scenario, if Libya experiences a vacuum of power, it could become the next Iraq or Pakistan, a gathering place for jihadists from around the region and the world. The country did serve as such a base for a wide array of Marxist and rejectionist terrorists and militants in the 1970s and 1980s.

    It will be very important to keep a focus on Libya in the coming days and weeks — not just to see what happens to the regime but also to look for indicators of the jihadists testing their wings.





    Dies ist ein Beitrag in der Rubrik "Stratfors Analysen", über die Sie hier Näheres erfahren.



    Jihadist Opportunities in Libya is republished with permission of STRATFOR. Für Kommentare bitte hier klicken.

    24.2.11

    Abschließendes zur Affäre Guttenberg

    Zu Guttenberg fällt mir jetzt nichts mehr ein. Dies ist folglich mein letzter Artikel zu dieser unappetitlichen Affäre. Ich werde den weiteren Weg des deutschen Tartuffe verfolgen und mich zu seinen politischen Stellungnahmen, seinen Entscheidungen als Minister dann vielleicht äußern. Aber nicht mehr zu dieser Affäre, die einen Tiefpunkt politischer Kultur in Deutschland markiert.

    Abschließend bringe ich eine Liste der Artikel zu diesem Thema und einige Verse.

    Die Verse stammen von Wilhelm Busch und sind aus dem "Maler Klecksel":
    Wenn wer sich wo als Lump erwiesen,
    So bringt man in der Regel diesen
    Zum Zweck moralischer Erhebung
    In eine andere Umgebung.
    Der Ort ist gut, die Lage neu.
    Der alte Lump ist auch dabei. –
    Hier die Liste der Beiträge zum Thema; Sie können sich diese Artikel auch ansehen, wenn Sie auf diesen Link klicken. Die Artikel zu der jetzigen Affäre sind durch einen Punkt gekennzeichnet:
    Guttenberg hier! Guttenberg da! Guttenberg oben! Guttenberg unten! Guttenberg hüben! Guttenberg drüben! Guhuhuttenberg!; ZR vom 18. 3. 2009

    Zitat des Tages: Kinderpornographie, Internetzensur und die "Betroffenheit" des Ministers zu Guttenberg; ZR vom 8. 5. 2009

    Marginalie: Kanzler Guttenberg? Auch in dieser Diskussion zeigt sich ein Sarrazin-Effekt; ZR vom 24. 10. 2010

    Marginalie: Guttenberg besuchte die kämpfende Truppe. Die Linke empört sich. Warum?; ZR vom 15. 12. 2010

    Marginalie: Unfälle bei der Bundeswehr und zwei ungeklärte Vorwürfe. Mehr nicht. Der Rest ist politische Propaganda; ZR vom 22. 1. 2011

  • Zettels Meckerecke: Es wird wohl nichts werden mit dem künftigen Bundeskanzler Doktor zu Guttenberg; ZR vom 16. 2. 2011

  • Marginalie: Guttenberg muß gehen. Null Optionen. Nebst einem Nachtrag; ZR vom 18. 2. 2011

  • Zitat des Tages: "Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat". Warum Guttenbergs Erklärung unglaubhaft ist; ZR vom 18. 2. 2011

  • Marginalie: Kann Paragraph 10 der Bayreuther Jura-Promotionsordnung Guttenberg retten? Nein; ZR vom 18. 2. 2011

  • Zettels Meckerecke: Guttenberg der Blender. Plagiate auf 62,8 Prozent aller Seiten der Dissertation entdeckt (momentaner Stand); ZR vom 19. 2. 2011

  • Guttenbergs Glanz. Guttenbergs Fall. Glamour, Enttäuschung, kognitive Dissonanz; ZR vom 21. 2. 2011

  • Dokumentation des Zwischenberichts von GuttenPlag Wiki zu Guttenbergs Plagiaten; ZR vom 21. 2. 2011

  • Guttenbergs Kelkheimer Rede. Der Text im Wortlaut und eine Analyse von Guttenbergs Rhetorik. Wie kann Guttenberg überhaupt den Doktorgrad loswerden?; ZR vom 22. 2. 2011

  • Der Lügenbaron vor dem Bundestag. Tartuffe Guttenberg; ZR vom 23. 2. 2011

  • Belege dafür, daß Guttenberg lügt. Eine Handreichung. Das Messer im Rücken ZR vom 24. 2. 2011



  • © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette vom Autor Strassengalerie unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported-Lizenz freigegeben.

    Belege dafür, daß Guttenberg lügt. Eine Handreichung. Das Messer im Rücken

    Wer meine Artikel zu der Affäre Guttenberg verfolgt hat (Sie können sie lesen, wenn Sie auf diesen Link klicken) und wer in Zettels kleinem Zimmer mitliest, für den wird dieser Beitrag wenig Neues bringen. Ich schreibe ihn für Leser, die nur gelegentlich oder zum ersten Mal hier hereinschauen und/oder die den Blog lesen, aber die Diskussionen im kleinen Zimmer nicht verfolgen.

    Der Artikel wendet sich zum einen an diejenigen, die schon davon überzeugt sind, daß Guttenberg lügt; für diese als, sagen wir, Argumentationshilfe. Diejenigen, die das noch nicht glauben, kann er vielleicht überzeugen; ihnen jedenfalls beim Nachdenken helfen.



    Auf den ersten Blick erscheint der Fall sonnenklar: Guttenberg hat eine Doktorarbeit abgeliefert, die nicht irgendwo ein Plagiat enthält, sondern die aus Plagiaten buchstäblich zusammengeschustert ist. Es ist - auf den ersten Blick - ein Fall von Täuschung bei einer wissenschaftlichen Arbeit, wie ihn die Bundesrepublik bei einem Prominenten noch nicht erlebt hat (siehe Dokumentation des Zwischenberichts von GuttenPlag Wiki zu Guttenbergs Plagiaten; ZR vom 21. 2. 2011). Der Mann hat - vielleicht nicht im juristischen, aber im umgangssprachlichen Sinn des Wortes - nach Strich und Faden betrogen.

    Jeder Student, jeder Inhaber eines Doktorgrads, der so eindeutig des Plagiats überführt werden würde, wäre ohne Diskussion den Sanktionen ausgesetzt, die für diesen Fall vorgesehen sind: Aberkennung des Doktorgrads, Nichtbestehen der jeweiligen Prüfung; bei Studierenden an den Hochschulen der Bundeswehr dienstrechtliche Konsequenzen bis hin zur Entfernung aus dem Dienst.

    Nun argumentiert Guttenberg so, wie jeder in einer derartigen Situation argumentieren könnte, und wie vermutlich Unzählige argumentiert haben: Ihm sei das alles "passiert" (so in der Kelkheimer Rede), ohne daß er es beabsichtigt gehabt hätte.

    Der Mörder hat sein Opfer nicht erstochen, sondern es hat sich ihm irgendwie ins Messer gedrängt.



    Ja, das kann sein. Mancher fällt so unglücklich nach hinten, daß er plötzlich ein Messer im Rücken hat. Aber der Angeklagte, der sich mit dieser Erklärung retten möchte, muß das doch ein wenig begründen.

    Bei Guttenbergs Einlassungen (in der Kelkheimer Rede wie auch bei seiner Erklärungsversuche gestern im Bundestag) fällt auf, daß er gar nicht erst versucht, konkret zu schildern, wie denn die Plagiate so in das Manuskript geraten sein könnten, daß er sie - versehentlich, wie das so geht - nicht als Zitate gekennzeichnet hat. Er konkretisiert das nicht, sondern er sagt einfach (so in der Kelkheimer Rede): "Ich habe diese Fehler nicht bewußt gemacht. Ich habe auch nicht bewußt oder absichtlich in irgendeiner Form getäuscht". Soll ihm doch einer mal das Gegenteil nachweisen. Sollen sich doch andere überlegen, wie die Plagiate denn in die Arbeit geraten sind.

    Andere überlegen das in der Tat. Unterstützer von Guttenberg haben Theorien dazu ersonnen, wie denn dieser grundanständige, nur offenbar reichlich schusselige Mann ganz unbegründet in den Verdacht geraten ist, er hätte weite Passagen seiner Doktorarbeit abgeschrieben. Die gängige Theorie geht so, wie das gestern in Zettels kleinem Zimmer Florian zusammengefaßt hat, ohne es sich zu eigen zu machen:
    Nach dieser Erklärung war Guttenberg bei der Abfassung der Dissertation einfach überfordert. Er hat schludrig gearbeitet und Zitate, die er im Laufe der Diss-Erstellung eingebaut hat, nicht von Anfang an klar markiert. Als er dann ggf. erst lange Zeit später wieder an der gleichen Stelle weitergearbeitet hat, war ihm nicht mehr bewusst, dass es sich hierbei überhaupt um ein Fremd-Zitat handelte. Er glaubte, seinen eigenen Text vor sich zu haben und diesen dann natürlich auch verändern zu können.
    Gegen diese Erklärung ist die Aussage des Mafioso Rinaldo Malvivente, der Francesco Vittima sei ihm ganz unglücklich ins Messer gefallen, ein Muster an Glaubwürdigkeit. Denn:

    Erstens lernt jeder Student in den ersten Semestern, daß alle Zitate belegt werden müssen. Die Vorschriften, wie das zu machen ist, sind unterschiedlich.

    Manchmal werden Fußnoten verlangt (die Zitate werden mit einer Nummer versehen, und am Ende der Seite steht, meist kleingedruckt, unter dieser Nummer die Quelle). Manchmal werden Endnoten verlangt (alle Zitate in einem Kapitel oder im ganzen Text werden durchnumeriert, und im Apparat - dem Anhang, der auf den eigentlichen Text folgt - findet man die Quelle unter der jeweiligen Nummer).

    Verbreitet ist auch das Verfahren, die Belege im Literaturverzeichnis zu versammeln. Im Text steht dann zum Beispiel als Quelle "(Guttenberg, 2009)"; und im Literaturverzeichnis findet man unter "Guttenberg" die Monographie "Guttenberg, Karl-Theodor, Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU. Berlin: Duncker & Humblot, 2009".

    Wenn man nun eine Arbeit schreibt - sei es eine Seminararbeit, eine juristische Hausarbeit, eine Diplomarbeit oder eine Dissertation -, dann hat man offenkundig das Problem, daß auch alle Zitate in der jeweils verlangten Form belegt werden. Also kennzeichnet man sie, sobald man sie ins Manuskript einträgt. Niemand, der eine wissenschaftliche Arbeit schreibt, verzichtet auf eine solche Markierung; es sei denn, er hätte einen IQ unter 80.

    Wie man die Zitate, sobald man sie in das Manuskript einfügt, kennzeichnet, das wird unterschiedlich gehandhabt.

    Die heutigen Texteditoren bieten dazu komfortable Funktionen: Man markiert das Zitat, klickt auf die entsprechende Option und trägt den Literaturnachweis ein. Den Rest erledigt das Programm.

    Vor der Zeit der Texteditoren mußte man das per Hand machen. Manche schrieben das Zitat eingerückt, andere markierten es sofort mit einem gelben Marker. Wer eine Kugelkopf-IBM benutzte, der machte sich vielleicht auch die Mühe, den Kugelkopf auszutauschen, um das Zitat kursiv zu setzen.

    Wie auch immer: Daß Zitate sofort - in dem Augenblick, in dem sie in das Manuskript gelangen - eindeutig markiert werden müssen, ist eine Selbstverständlichkeit, wenn man ein wissenschaftliches Manuskript schreibt. Es geht nicht anders - denn wie soll man denn später seine Fuß- oder Endnoten, sein Literaturverzeichnis zusammenstellen?

    Natürlich kann es einmal passieren, daß man das Markieren vergißt. Es kann in einem umfangreichen Manuskript vielleicht auch zweimal passieren. Daß es auf den meisten Seiten passiert (gegenwärtig steht die Zählung bei GuttenPlag Wiki bei 72,8 Prozent aller Textseiten, in denen Plagiate entdeckt wurden), ist so unwahrscheinlich, wie daß Francesco Vittima nicht nur in das Messer von Rinaldo Malvivente gefallen ist, sondern daß er im Fallen auch noch dessen Fingerabdrücke am Messer abgewischt hat.



    Der zweite Beweis dafür, daß Guttenberg lügt, ist ebenso eindeutig. Er betrifft den sogenannten Kontext der Zitate.

    Warum zitiert man überhaupt in einer wissenschaftlichen Arbeit; warum schreibt man nicht alles selbst? Das kann verschiedene Gründe haben:
  • Man verweist auf eine Autorität. Man zitiert also, um zu belegen, daß andere dieselbe Meinung vertreten wie man selbst. Wer als Jurist zum Beispiel die Rechtsprechung der jeweils obersten Instanz zitiert, der braucht nicht mehr unbedingt zu begründen, warum er dieselbe Meinung vertritt.

  • Man führt etwas auf, weil man es selbst nicht besser formulieren könnte. Wenn zum Beispiel in einer Quelle viele Zahlen und Fakten aufgeführt sind, dann ist es einfacher, die Quelle zu zitieren, als das mit eigenen Worten zu sagen.

  • Man zitiert die Quelle, um sie zu kommentieren. Das ist ein sehr häufiges Motiv für Zitate. Der Autor hat eine bestimmte Meinung, aber andere sehen das anders. Also zitiert man einen von ihnen und erläutert dann, warum er - nach Ansicht des Autors - Unrecht hat; oder warum seine Meinung ergänzt, vertieft, modifiziert werden muß.
  • Es gibt auch noch andere Motive für das Zitieren (man kann, sagen wir, ein Zitat auch zur Auflockerung bringen, weil es lustig ist) - aber in jedem Fall macht der Autor in seinem Text deutlich, warum er zitiert.

    Es gibt das schlechterdings nicht, daß man ein Zitat einfach in den Text hineinmontiert, ohne daß man davor und/oder danach etwas zu diesem Zitat schreibt. Also beispielsweise "Zur amerikanischen Verfassungsgeschichte hat Barbara Zehnpfennig 1997 in der FAZ treffend notiert:". Oder "Wie sogar ein Student in seiner Ausarbeitung zu einem Einführungskurs richtig erkannt hat:". Dergleichen.

    Es ist völlig ausgeschlossen, daß ein Autor, der bei Sinnen ist, einfach dutzendweise Zitate in sein Manuskript hineinbefördert, ohne auf diese oder eine ähnliche Weise zu begründen, warum er jeweils zitiert.

    Auch wenn Guttenberg die hanebüchene Dummheit begangen haben sollte, seine Zitate nicht durch ein Mittel wie die Einrückung im Manuskript zu kennzeichnen, hätte ihm bei der Lektüre "nach Jahren" allein durch diesen Kontext klar sein müssen, daß es sich um Zitate handelt. Er hätte sie bei der Schlußredaktion seiner Arbeit also korrekt kennzeichnen können.



    Das sind die beiden Hauptbeweise dafür, daß Guttenberg gestern den Bundestag angelogen hat. Es gibt noch ein weiteres starkes Indiz: Jeder Autor überlegt sich genau und oft lange, wie er seine Arbeit beginnt. Daß Guttenberg unter einer derartigen Amnesie litt, daß er beim Wiederlesen nicht einmal mehr wußte, daß die einleitende Passage von Barbara Zehnpfennig war und nicht von ihm selbst, ist völlig unglaubhaft.

    Das Opfer des Mafioso ist nicht nur ins Messer gefallen und hat im Fallen die Fingerabdrücke abgewischt, sondern es hat im Fallen auch noch eine Erklärung unterzeichnet, daß Rinaldo Malvivente unschuldig ist.

    Dieser Mann, der schamlos lügt, ist eine Schande für das Bundeskabinett. Er ist eine Schande für unser Land.



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    23.2.11

    Der Lügenbaron vor dem Bundestag. Tartuffe Guttenberg

    "Ein Plagiat setzt voraus, wie Sie wissen und wie viele wissen, daß man bewußt und vorsätzlich getäuscht haben sollte". So begründete Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg in der heutigen Fragestunde des Deutschen Bundestags, daß er die Vorwürfe von Plagiaten vergangene Woche "abstrus" genannt hatte.

    Er bleibt also dabei, daß ihm "gravierende Fehler" unterlaufen seien, daß er aber nicht absichtlich plagiiert hätte. Er bleibt auch vor dem Bundestag bei dem, was er am Montag den Kelkheimer Wählern weisgemacht hat (siehe Guttenbergs Kelkheimer Rede. Der Text im Wortlaut und eine Analyse von Guttenbergs Rhetorik. Wie kann Guttenberg überhaupt den Doktorgrad loswerden?; ZR vom 22. 2. 2011).

    Das ist eine so dreiste Lüge, daß Guttenberg sich damit den Titel "Lügenbaron" verdient hat ("Baron" ist in anderen Sprachen der Freiherr). Er wird hoffentlich nicht versuchen, ihn "zurückzugeben", diesen wohlverdienten Titel.

    Es gibt erdrückende Beweise dafür, daß die Plagiate nicht versehentlich zustandegekommen sein können. Man kann Anführungszeichen vergessen; aber wie will Guttenberg erklären, daß die Zitate systematisch verändert wurden? Wie will er erklären, daß er eine Jahreszahl in einem fremden Text durch eine andere ersetzt hat, damit sie zum Abgabetermin seiner Arbeit paßte? Wie will er alle die anderen Veränderungen in den Textpassagen erklären, die er vorgeblich nur hatte zitieren wollen?

    Wie will er erklären, daß er quer durch die Arbeit Wörter in die nicht gekennzeichneten Zitate eingefügt, daß er sie aufgemotzt hat, indem er deutsche Wörter durch Fremdwörter ersetzte? Siehe dazu "Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat". Warum Guttenbergs Erklärung unglaubhaft ist; ZR vom 18. 2. 2010; sowie Dokumentation des Zwischenberichts von GuttenPlag Wiki zu Guttenbergs Plagiaten; ZR vom 21. 2. 2010. Im aktuellen "Spiegel" (8/2011 vom 21. 2. 2011, S. 22) findet man weitere Beispiele; so ersetzte Guttenberg in einem Plagiat etwa das Wort "Oberstes Bundesgericht" durch "Supreme Court". Macht doch gleich viel mehr her.

    Solche Veränderungen sind beim Zitieren streng verboten; das lernt ein Jurastudent in den ersten Semestern. Es ergibt im übrigen ja auch gar keinen Sinn, daß ein Autor sich die Mühe macht, einen Text derart zu verändern, wenn er ihn nur zitieren will. So etwas ist allein damit zu erklären, daß Guttenberg den plagiierten Text als seinen eigenen ausgeben wollte und ihn - nach Guttenberg-Art - dabei mit Fremdwörtern schmückte.

    Kurz, es gibt für die Plagiate keine andere Erklärung als die, daß Guttenberg bewußt und in großem Stil Texte anderer Autoren als seine eigenen ausgeben wollte. Nun hat er also vor dem Bundestag gelogen. Franz-Josef Strauß mußte als Minister gehen, nachdem ihm nachgewiesen worden war, daß er vor dem Bundestag gelogen hatte.



    Wie kommt es, daß dieser Mann, der so dreist lügt, derart beliebt werden konnte? Die Antwort könnte trivial sein. Es war der Tartuffe-Effekt.

    Molières Tartuffe wird im Untertitel der Komödie als ein imposteur bezeichnet, als ein Scharlatan. Tartuffe erzielt seine Erfolge in der Familie seines Gastgebers dadurch, daß er alle mit seiner Redlichkeit beeindruckt, mit seiner Tugendhaftigkeit.

    Orgon, der Hausherr, ist von Tartuffe derart überzeugt, daß er ihm sein Haus überschreibt, so daß Tartuffe ihn ruinieren kann. Nur ein Eingreifen des Königs - Molières Reverenz an seinen König Ludwig XIV - rettet am Ende Orgon vor Tartuffe.

    Der Erfolg jedes Scharlatans liegt just daran, daß er als ein Ehrenmann wirkt. Heute vor dem Bundestag hat Guttenberg versucht, diese Rolle durchzuhalten. Es wirkte wie eine Parodie.

    Orgon wird erst von seiner Verehrung für Tartuffe geheilt, als er - unter dem Tisch versteckt - erlebt, wie der vorgeblich so fromme und keusche Tartuffe seine Frau zu verführen versucht. Alle Indizien, alle Warnungen hatte Orgon zuvor ignoriert.

    So ist es wohl auch mit den Bewunderern Guttenbergs unter den Deutschen. Indizien versuchen sie zu ignorieren, der kognitiven Dissonanz auszuweichen (siehe Guttenbergs Glanz. Guttenbergs Fall. Glamour, Enttäuschung, kognitive Dissonanz; ZR vom 21. 2. 2011). Es fehlt ihnen die smoking gun, der zwingende, für jeden sichtbare Beweis.

    Krista Sager (Die Grünen) hat heute im Bundestag gesagt:
    Ich frage Sie, wenn Sie schon glauben, daß Sie die Menschen in diesem Lande, die Sie so sehr bewundert haben die ganzen Wochen und Monate, wenn Sie schon glauben, daß Sie die für dumm verkaufen können, - glauben Sie, daß Sie auch Menschen, die sich im wissenschaftlichen Bereich auskennen und die selber wissenschaftlich arbeiten oder gearbeitet haben, daß Sie die auch für dumm verkaufen können?
    Guttenbergs entwaffnende Antwort war: "Ja gerade nicht".

    Daß ihm die "Menschen im Lande" seine Lügen abnehmen, so wie Orgon sie dem Tartuffe abgenommen hat, das ist gut möglich. Es ist die Sache derer, die das besser beurteilen können, dieselbe Aufklärungsarbeit zu tun, die Orgons Frau Elmire leistete, als sie die Szene mit Orgon unter dem Tisch arrangierte, damit dieser selbst erleben konnte, wie der nichtsahnende Tartuffe sie zu verführen suchte.



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