30.11.09

Mal wieder ein kleines Quiz: Was sehen Sie hier?

Welche Art von Gebäuden zeigen die folgenden vier Abbildungen? Die Lösung finden Sie, wie immer, in Zettels kleinem Zimmer.






Zitat des Tages: "Die Schweizer haben das Prinzip der Menschenrechte mit Füßen getreten". Ein Agitator im Gewand des Liberalen

Die Schweizer haben am Sonntag offenbar mehrheitlich die Idee der Freiheit und das Prinzip der Menschenrechte mit Füßen getreten. Sie haben die Weltsicht Osama bin Ladens übernommen, der zufolge ein gedeihliches Zusammenleben von Christen und Muslimen kaum möglich ist. Und sie haben einer monotheistischen Weltreligion den Kampf angesagt. Es ist ein schwarzer Tag für Europa, für den Westen und die Freiheit.

Malte Lehming, Chef des Ressorts "Meinung" beim "Tagesspiegel", über die gestrige Volksabstimmung in der Schweiz. Überschrift des Artikels: "Ein schwarzer Tag".


Kommentar: Ob die gestrige Entscheidung der Schweizer, ein Verbot des Baus von Minaretten in die Verfassung aufzunehmen, eine weise Entscheidung gewesen ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Dazu kenne ich die Verhältnisse in der Schweiz zu wenig.

Vorläufig neige ich dem Urteil des Schweizer liberalen Bloggerkollegen Manfred Messmer zu, der gestern geschrieben hat: "... Bauvorschriften gehören nicht in die Verfassung. Aber wir bleiben dabei: Es ist eine Diskussion angestossen worden, die geführt werden muss".

Es ist eine Diskussion, die vor allem rational geführt werden muß. Und nicht mit Schaum vor dem Mund, wie das Malte Lehming tut.

Die Mehrheit der abstimmenden Schweizer hat nicht gleich die Weltsicht eines fanatischen Massenmörders übernommen, wenn sie sich gegen den Bau weiterer Minarette entschieden hat.


Es geht nicht um die Menschenrechte, sondern es geht um Baurecht. Es gibt kein Menschenrecht auf den Bau von Minaretten.

Wie immmer man diese Entscheidung beurteilen mag - die Freiheit von Moslems, gemäß den Vorschriften ihrer Religion zu leben, schränkt sie in keiner Weise ein. Sie konnten bisher in der Schweiz in ihren Moscheen beten, und sie werden das auch künftig frei und unbehelligt tun können.



Lehming haut mit dem Holzhammer drauf. Er verunglimpft die (Mehrheit der abstimmenden) Bürger einer der ältesten Demokratien der Welt, eines vorbildlich freiheitlichen Staats. Er ist offenbar nicht bereit, diesen Menschen zuzubilligen, daß sie rationale Gründe für ihre Entscheidung gehabt haben könnten.

Wer eine Diskussion, die sachlich und mit Sensibilität für die Gefühle aller Seiten geführt werden muß, derart agitatorisch, derart intolerant gegenüber der Meinung Andersdenkender zuspitzt, der ist das Gegenteil eines Liberalen. Wie sehr er sich auch auf die "Idee der Freiheit" berufen mag.



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29.11.09

Zettels Meckerecke: Könnte man zur Babyklappe nicht erst mal die Klappe halten? Über den Mitteilungsdrang gewisser (nicht aller) Politiker

Der Deutsche Ethikrat - Sie finden hier seine WebSite - hat am Donnerstag eine, wie er es nennt, "erste Stellungnahme 'Das Problem der anonymen Kindesabgabe'" veröffentlicht. Es geht um die Problematik der sogenannten Babyklappen, in die Mütter ihr Neugeborenes legen und dann sofort wieder weggehen können; wodurch sie vollständig anonym bleiben. Die betreffenden Kinder sind also Findelkinder, wie man das früher nannte. Das Problem existiert ja seit Jahrtausenden.

Der Ethikrat hat seine Stellungnahme, wie es die Art dieser Einrichtung ist, nach gründlichen Beratungen vorgelegt. Bereits im Oktober 2008 hat er Sachverständige angehört. Nach mehr als einem Jahr publiziert er jetzt einen Bericht, den er ausdrücklich eine "erste" Stellungnahme nennt. Zurückhaltender und abwägender geht es kaum.

Das, was in dieser ersten Stellungnahme steht, können Sie - je nachdem, wieviel Zeit zum Lesen Sie haben und wie groß Ihr Interesse ist - auf verschiedenen Stufen der Ausführlichkeit lesen:
  • in einer Pressemitteilung des Rats

  • in der Zusammenfassung der Stellungnahme

  • oder in der vollständigen 72seitigen Stellungnahme, deren Literaturverzeichnis allein sieben Seiten mit knapp 150 Literaturangaben umfaßt.
  • Am Ende dieses Texts finden Sie auch ein ergänzendes Votum von zwei Mitgliedern des Rats sowie ein Sondervotum von sechs Mitgliedern, die sich der Empfehlung der Mehrheit nicht uneingeschränkt oder gar nicht anschließen konnten.

    Diese Mehrheitsempfehlung lautet im Kern in der Fassung der Pressemitteilung:
    Der Deutsche Ethikrat möchte mit seinen Empfehlungen dazu beitragen, dass Schwangeren und Müttern in Notsituationen so gut wie möglich geholfen wird, ohne die Rechte anderer, insbesondere ihrer Kinder, zu verletzen.

    Der Ethikrat empfiehlt, die vorhandenen Babyklappen und Angebote zur anonymen Geburt aufzugeben. (...) Um Schwangeren und Müttern in Notlagen ... zu helfen, schlägt der Ethikrat ein "Gesetz zur vertraulichen Kindesabgabe mit vorübergehend anonymer Meldung" vor. Damit würde eine gesetzliche Grundlage geschaffen, um Frauen, die in einer schweren Not- oder Konfliktsituation ihre Mutterschaft meinen verbergen zu müssen, durch ein besonders niederschwelliges Angebot zu helfen, das ihnen die Lösung ihrer Probleme im Rahmen einer Beratung und Begleitung unter Wahrung absoluter Vertraulichkeit garantiert.
    In der Stellungnahme und deren Zusammenfassung finden Sie im einzelnen aufgelistet, wie eine solche gesetzliche Regelung nach der Meinung der Mehrheit des Ethikrates gestaltet werden sollte.



    Ich habe Sie über diese Fakten informiert, damit Sie den Zorn verstehen, dem ich jetzt Ausdruck geben möchte. Den Zorn darüber, wie mit dieser Arbeit eines sorgfältig und verantwortlich arbeitenden Gremiums umgegangen wird.

    Lesen Sie einmal, was heute FAZ.Net berichtet:
    Politikerinnen mehrerer Parteien kritisierten die Forderung des Rates. SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles hält sie für "rigoros und lebensfern". Frau Nahles sagte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagzeitung: "Jedes Kind, das durch eine Babyklappe gerettet oder vor Schaden bewahrt wird, ist ein Argument gegen die Entscheidung des Ethikrates." Ähnlich äußerte sich Renate Künast, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag: "Das Recht des Kindes auf sein Leben steht über allem anderen." Deshalb sei die Forderung, Babyklappen abzuschaffen, falsch.
    Ja, meinen denn die Frau Nahles und die Frau Künast, der Ethikrat hätte diese trivialen Überlegungen nicht auch angestellt? Mußten sie denn gleich losplärren mit Stellungnahmen weit unter dem gedanklichen Niveau, das alle drei Positionen in der Stellungnahme des Ethikrats auszeichnet?

    Können sie denn nicht einmal wenigstens für ein paar Tage die Klappe halten, diese Politiker, die zu allem und jedem schon ihre platte und undurchdachte Stellungnahme bereit haben?

    Können sie sich nicht wenigstens ein bißchen Mühe geben, eine schwierige ethische Diskussion nachzuvollziehen, bevor sie mit ihrem "falsch" und "lebensfern" und "rigoros" herausplatzen? Könnten sie ihren Mitteilungsdrang nicht wenigstens bei einem solchen Thema zügeln?

    Sie können es augenscheinlich nicht, die Fraktionsvorsitzende der "Grünen" und die Generalsekretärin der SPD. Andere können es freilich schon.

    Laut der verlinkten Meldung von FAZ.Net sagte die stellvertretende CSU- Generalsekretärin Dorothee Bär, die Union wolle zunächst eine Studie des Familienministeriums abwarten, die derzeit erstellt wird.

    Und wirklich überrascht hat mich, um diese Meckerecke versöhnlich zu beschließen, was die Abgeordnete Petra Sitte gesagt hat, wieder laut der Meldung von FAZ.Net: "Die Stellungnahme des Ethikrates sei 'mutig' und mache nachdenklich".

    Ja, ein wenig Nachdenklichkeit auch bei Politikern würde man sich bei diesem Thema wünschen. Daß ausgerechnet eine Kommunistin sie befürwortet, hätte ich nicht erwartet.



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    Kurioses, kurz kommentiert: Was an einer Rezension der FAZ kurios sein kann

    Manchmal ist es aufschlußreicher, wo etwas steht, als was dort steht.

    In der FAZ vom vergangenen Donnerstag ist eine Kurzrezension eines Buchs veröffentlicht worden, die man auch in FAZ.Net lesen kann. Das Buch heißt "Intelligenz. Fakten und Mythen". Es ist in diesem Jahr bei Beltz erschienen, einem u.a. auf pädagogische Literatur spezialisierten Verlag. Der Autor, Detlef H. Rost, lehrt in Marburg Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie. Er ist ein ausgewiesener Forscher mit zahleichen Publikationen.

    Die Rezension von Heike Schmoll (oll.) ist zwar knapp, gibt aber einen guten Eindruck von dem Buch. Ich empfehle sie zu lesen, denn Heike Schmoll ist eine kundige Journalistin auf dem Gebiet der Bildungswissenschaften. Ich habe sie schon zweimal in diesem Blog gewürdigt (Die Unverschämtheit eines "Inspektors"; ZR vom 22. 3. 2007, sowie Wer organisiert den "Bildungsstreik"?; ZR vom 17. 11. 2009).



    Ja und? werden Sie fragen. Was in aller Welt ist an dem allen so kurios, daß es einen Kurzkommentar in dieser Rubrik wert wäre?

    Wie gesagt, manchmal ist es interessant, wo etwas steht. Raten Sie einmal, in welcher Rubrik die Redaktion von FAZ.Net diese Rezension untergebracht hat! Unter "Wissenschaft", wo sie hingehört? Unter "Sachbuch", wo man sie allenfalls auch noch plazieren könnte?

    Nein. Sie steht unter "Politik".

    Und das ist zum einen schon ganz schön kurios. Zum anderen sagt es in seiner ganzen Kuriosität aber auch viel darüber aus, wie solche Forschungsgebiete in der Öffentlichkeit, bis hinein in die Redaktion von FAZ.Net, wahrgenommen werden.

    Von welchen Faktoren die Intelligenz abhängt; zu welchen Anteilen sie angeboren und erworben ist; ob man sie gar - siehe den Titel der Rezension - durch das Kauen von Kaugummi verbessern kann: Das hat mit Politik ungefähr soviel zu tun wie das Fallgesetz oder die Zahl der Jupitermonde.

    Aber viele glauben offenbar, man könne über wissenschaftliche Fakten politische Mehrheitsentscheidungen herbeiführen.



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    28.11.09

    Zitat des Tages: "Das ist zumindest Verfassungsbeugung" Noch einmal zur Causa Nikolaus Brender

    Das ZDF ist mit dem heutigen Tag für jeden sichtbar ein Staatssender. Und es ist es nicht mehr nur der Möglichkeit nach, sondern ganz praktisch. Fast so, wie es sich Konrad Adenauer einst gewünscht hat. Was der Alte aus Köln damals plante, wäre glatter Verfassungsbruch gewesen. Was Koch und die Seinen heute taten, ist zumindest Verfassungsbeugung.

    Dem ZDF ist das Rückgrat gebrochen. Von jetzt an wird ein ZDF-Zuschauer, der sich nicht veralbern lassen will, nicht mehr davon ausgehen können, dass ein ZDF-Journalist unabhängig ist.


    Markus Brauck gestern Abend in "Spiegel- Online" zur Entscheidung des ZDF- Verwaltungsrats, den Vertrag des Chefredakteurs Nikolaus Brender nicht zu verlängern.


    Kommentar: Eine wahre Philippika hat er da verfaßt, der gelernte Theologe Markus Brauck, jetzt in der Wirtschaftsredaktion des gedruckten "Spiegel" und dort auf Kultur- und Gesellschaftskritik spezialisiert. Einen "Westentaschen- Berlusconi" nennt er Roland Koch. Von einem "Handstreich" schreibt er, von einem "schwarzen Tag".

    Was hat sich da Entsetzliches abgespielt?

    Ein Verwaltungsrat, derjenige des ZDF, hat sich die Arbeit eines Leitenden Angestellten angesehen, des Chefredakteurs Nikolaus Brender, dessen Vertrag zur Verlängerung anstand.

    Das Urteil über diese Arbeit fiel nicht günstig aus, und der Vertrag wurde nicht verlängert. Nach zehn Jahren wird Brender also im März kommenden Jahres seinen Sessel räumen. Siehe dazu 35 Führende für Nikolaus Brender; ZR vom 24. 11. 2009.

    Warum der Verwaltungsrat den Vertrag nicht verlängern wollte, das hat dessen stellvertretender Vorsitzender Roland Koch bereits im Februar in einem Interview mit Stefan Niggemeier von der FAZ gesagt:
    "Heute" hat seit 2002 26 Prozent seiner Zuschauer verloren. 2008 wurden wir erstmals von "RTL aktuell" überholt, liegen also hinter "Tagesschau" und der RTL-Sendung nur noch auf Platz 3. Das hätte sich vor fünf Jahren sicher kein Mitarbeiter des ZDF vorstellen können. Das "Auslandsjournal" hat heute 56 Prozent weniger Zuschauer, der "Länderspiegel" 16 Prozent. Das "Heute Journal" hat 10 Prozent weniger Zuschauer - im Gegensatz dazu haben die "Tagesthemen", die ja keinen privilegierten Sendeplatz haben, ihre Zuschauerzahl halten können.

    Es ist die Pflicht des Verwaltungsrates, solche Negativentwicklungen zu erörtern. Und es ist unsere Aufgabe, nicht jede Debatte über diese Fragen als eine politische oder gar parteipolitische diskreditieren zu lassen.
    Nachvollziehbare Überlegungen, wie mir scheint. Aber nun bald ein Jahr lang läuft eine Kapagne, die Koch und anderen Mitgliedern des Verwaltungsrats andere, nämlich parteipolitische Motive unterstellt. Wesentlich angestoßen wurde sie von Mitarbeitern des ZDF, die Brender gern behalten hätten. Andere sind im Lauf der Zeit auf den Wagen aufgesprungen, zuletzt die 35 Verfassungsrechtler.



    Es gehe um Rundfunkfreiheit, heißt es. Ja, in der Tat.

    Es geht um die Freiheit von ein paar hundert Journalisten im öffentlich- rechtlichen Rundfunk, ihre Meinung verbreiten zu können. Sie ist weitgehend homogen, diese Meinung. Man rekrutiert Seinesgleichen - linksaußen bis "linksliberal", oft antikapitalistisch und meist antiamerikanisch. Man rekrutiert Journalisten, die unaufhörlich über "soziale Gerechtigkeit" räsonnieren, die die Industrie negativ und dafür die Gewerkschaften umso positiver zeichnen.

    Für diejenigen, die sich in diesem Meinungskartell eingerichtet haben, die in diesem Mainstream mitschwimmen, ist es natürlich ein wunderbares System.

    Die Jobs sind überwiegend sicher, die Bezahlung ist exzellent und man hat jede Freiheit, nicht nur seine Meinung zu sagen, sondern sich "der Politik" gegenüber auch noch als "die Öffentlichkeit" in Szene zu setzen, als Sachwalter von uns Bürgern. (Siehe Wozu braucht eine Debatte zwischen Merkel und Steinmeier eigentlich vier eitle Journalisten?; ZR vom 13. 9. 2009).

    Natürlich möchte man sich da nicht von "der Politik" hineinreden lassen.

    Jedenfalls meist nicht. Merke aber: "Denn den ZDF- Chefredakteursposten darf traditionell die SPD mitbestimmen." So Stefan Niggemeier am 24. Februar 2009 in der FAZ. Überschrift: "Fall Brender - Es geht ums Prinzip".



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    27.11.09

    Marginalie: Sie kann auch Basta. Heute hat sich die Kanzlerin mal von ihrer entscheidungsstarken Seite gezeigt

    Der Kanzlerin wird oft vorgeworfen, daß sie nicht schnell entscheidet; daß sie abwartet, wie sich die Dinge entwickeln.

    Vielleicht ist es ja das, was den Staatsmann ausmacht. Aber manchmal muß man auch mehr Husar sein als Feldherr.

    Das hat die Kanzlerin heute gezeigt. Sie hat Jung, der zu einer Belastung geworden war, mit Erfolg zum Rücktritt gedrängt. Sie hat dann sofort Entscheidungen getroffen, die so stimmig sind, daß man eigentlich nur sagen kann: Ja, genau so.

    Ursula von der Leyen, von der ich im Gegensatz zu vielen liberalen Mitstreitern keine negative Meinung habe, wird in eines der schwierigsten Ministerien geschickt. Da wird sie zeigen müssen, was sie kann. Ich denke, sie wird es können.

    Auch wenn ich es grundsätzlich richtiger fände, ins Arbeits- und Sozialministerium einen Vertreter des linken Flügels zu schicken. Aber gibt es sie überhaupt noch, die einst mächtigen Sozialausschüsse der Union, hervorgegangen aus dem Zentrum?

    Die Hessen können zufrieden sein mit der Entscheidung für Dr. Kristina Köhler als neue Familienministerin.

    Eine, wie mir scheint, interessante Politikerin. Wer sich auf "Islam, Integration und Extremismus" spezialisiert, der muß schon Mumm haben.



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    Neues aus der Forschung (8): Warum spielen Mädchen mit Puppen und Jungen mit Kriegsspielzeug?

    Kennen Sie Janosch, den Autor vieler sehr schöner Kinderbücher? Ich kann mich an ein Radio- Interview mit ihm erinnern. Es dürfte in den siebziger Jahren gewesen sein. Eine Redakteurin des WDR befragte Janosch.

    Nein, "befragte" ist nicht richtig. Sie wies ihn zurecht. Ob er sich eigentlich im Klaren darüber sei, wie frauenfeindlich seine Kinderbücher seien? Janosch, ein ohnehin schüchterner Mensch, reagiert völlig verdattert. Nein, wieso denn? Er wurde aufgeklärt, daß in seinen Büchern Mädchen mit Puppen spielen, Jungs aber allerlei Wilderes machen. Frauenfeindlich also.

    Ich habe dieses Interview deshalb nicht vergessen, weil ich den Begriff "frauenfeindlich" bis dahin noch nicht gekannt hatte; jedenfalls nicht in einem solchen Zusammenhang. Nun also lernte ich, daß es frauenfeindlich sei, die "überkommenen Geschlechterrollen zu perpetuieren", oder so ähnlich. Heute sagt man Gender; der Begriff hatte sich damals noch nicht im Deutschen eingebürgert.

    Ungefähr zur selben Zeit sang Milva "Wer wird als Frau denn schon geboren / Man wird zur Frau doch erst gemacht". Das war eine Idee, die Simone de Beauvoir schon 1949 formuliert hatte, in Le deuxiéme sexe, das "zweite Geschlecht" also, das auf Deutsch mit dem nicht so ganz treffenden Titel "Das andere Geschlecht" erschien. "On ne naît pas femme, on le devient": Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.

    Das war damals, in den siebziger, den achtziger Jahren, etwas nachgerade Selbstverständliches. Man glaubte daran, so wie man heute an die globale Erwärmung glaubt. Nur war es falsch.



    Es gibt inzwischen viele Belege dafür, daß die psychischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu einem erheblichen Teil biologisch und nicht gesellschaftlich bedingt sind. Ich möchte jetzt über eine aktuelle Untersuchung berichten, die dies auf eine besonders sinnfällige Weise zeigt. Sie wird demnächst im International Journal of Andrology erscheinen; in Science News schreibt jetzt Janet Raloff darüber.

    Phthalate sind Lösungsmittel, die zum Beispiel in Nagellack Verwendung finden. Wenn Frauen ihnen in der Schwangerschaft ausgesetzt sind, dann wirkt sich das, wie seit längerer Zeit bekannt, auf den Hormonhaushalt aus, und zwar im Sinn einer Hemmung der Produktion von Testosteron. Ein Forschungsteam der Medizinischen Fakultät der Universität Rochester unter Leitung von Shanna Swan hat das jetzt genauer untersucht.

    Innerhalb eines größeren Forschungsprojekts wurde bei Frauen in den letzten drei Monaten ihrer Schwangerschaft der Phthalat- Spiegel gemessen. Zwischen drei und sechs Jahre später wurden sie wieder aufgesucht. Unter anderem wurden sie über das Spielverhalten ihres Kindes - 71 Mädchen und 74 Jungen - befragt.

    Bei den Mädchen gab es keinen Zusammenhang zwischen dem Spielverhalten und dem in der Schwangerschaft gemessenen Phthalat- Spiegel. Bei den Jungen gab es einen solchen Zusammenhang: Jungen, deren Mutter in der Schwangerschaft einen hohen Phthalat- Spiegel gehabt hatte, spielten - nach Angabe ihrer Mütter - seltener mit Kriegsspielzeug und eher mit geschlechts- unspezifischem Spielzeug wie Puzzles.

    Shanna Swan hat angekündigt, daß sie die Untersuchung jetzt mit einer größeren Stichprobe - 800 Kindern - fortsetzen wird.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Galileo Galilei, gemalt im Jahr 1605 von Domenico Robusti. Ausschnitt.

    26.11.09

    Gorgasals Kleinigkeiten: Diskriminierung. Igitt! Bäh!

    Heute ein Reizthema: Diskriminierung.

    In den USA war gestern einer der höchsten Feiertage: Thanksgiving. Heute ist ein weiteres säkulares Fest: Black Friday.

    Black Friday, der "Schwarze Freitag", der Freitag nach dem Familienfest Thanksgiving, ist in den USA traditionell der Beginn der Weihnachtszeit. Insbesondere der Weihnachtseinkäufe. An diesem Freitag gibt es ebenso traditionell massive Preisnachlässe - dieses Jahr versuchen sich etwa Wal-Mart und Amazon.com gegenseitig in den Preisen für Bestseller in gedruckter und DVD-Form zu unterbieten. Unter den Schnäppchenjägern kommt es regelmäßig zu Todesfällen, weil jemand niedergetrampelt wird oder das Herz nicht mehr mitmacht. Es wird kolportiert, dass der Black Friday deswegen schwarz sei, weil an diesem Tag die Einzelhändler aus den roten Zahlen in die schwarzen kommen.

    Was hat das mit Diskriminierung zu tun?

    Der Black Friday ist ein wunderschönes Beispiel für Preisdiskriminierung.

    Stellen wir uns eine Video-Spielkonsole vor, mit Herstellungskosten von 100 Euro. Nehmen wir an, es gebe zwei Videospieler, A und B.

    A ist ein Technikfreak, der neue Technik immer sofort kauft, ein Early Adopter. A würde für die Spielkonsole bis zu 400 Euro zahlen.

    B spielt auch gerne Videospiele, aber das Geld sitzt ihm nicht so locker. Vielleicht braucht er auch Bares für einen Kinobesuch, vielleicht trinkt er gerne ab und zu eine gute Flasche Wein, auf jeden Fall kauft er die Spielkonsole gerne für 200 Euro - aber mehr gibt er dafür nicht aus.

    Der Hersteller würde natürlich am liebsten seine Spielkonsole an A für 400 Euro und an B für 200 Euro verkaufen, wenn er sie schon nicht an beide für 400 Euro oder noch mehr verkaufen kann. In diesem Fall macht er in Anbetracht der Herstellungskosten von 100 Euro bei A 300 Euro Gewinn (genauer: Deckungsbeitrag), bei B 100 Euro. Das ist auf jeden Fall besser, als die Konsole nur an A für 400 Euro zu verkaufen, weil ihm dann der Umsatz mit B entgeht.

    Nur: wie soll der Hersteller das bewerkstelligen? Wenn er die Konsole für 200 Euro anbietet, dann werden A und B zuschlagen - und A freut sich ganz besonders, wäre er doch willens gewesen, doppelt so viel dafür hinzublättern. Wenn er die Konsole für 400 Euro in den Laden stellt, dann kauft A sie, aber B geht statt dessen ins Kino.

    Der Hersteller würde also am liebsten die Kunden herausfinden, die bereit sind, mehr für seine Ware zu bezahlen, und diesen Kunden mehr abverlangen - er will also zwischen seinen Kunden diskriminieren, was ja nichts anderes als "unterscheiden" heißt. Noch viel schöner wäre es natürlich, wenn die Kunden von sich aus diese Diskriminierung durchführen, von sich aus unterschiedliche Preise zahlen würden.

    Zum Beispiel kann der Hersteller seine Konsole im allgemeinen für 400 Euro anbieten. A wird sie dafür wahrscheinlich kaufen, B nicht. Aber sobald sie am Black Friday für 200 Euro angeboten wird, wird auch B zugreifen. Und wenn die Menschenmassen so extrem sind, dass A sich lieber nicht tottrampeln lässt und statt dessen die Konsole eine Woche früher zum Normalpreis von 400 Euro kauft, während B sich ins Getümmel stürzt, um die Konsole zum Schnäppchenpreis zu bekommen, dann haben sich die Kunden erfolgreich selbst diskriminiert: A zahlt 400 Euro, B 200 Euro.

    Aber immerhin haben alle die Konsole zu einem Preis bekommen, mit dem sie einverstanden sind.

    Viel Vergnügen bei den Weihnachtseinkäufen und der Schnäppchenjagd.



    © Gorgasal. Das Beispiel habe ich schamlos bei Arnold Kling abgekupfert. Für Kommentare bitte hier klicken.

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    25.11.09

    Klimadiskussion: Jetzt schweig i. Eine Schlußmarginalie

    Wissen Sie, wie sich das Hethitische entwickelt hat? Kennen Sie die Bewaffnung des Römischen Heers im fünften nachchristlichen Jahrhundert? Können Sie mir, bitte schön, sagen, welche Funktion der mediale Temporalcortex hat? Können Quantenrechner zuverlässig funktionieren?

    Sie wissen das nicht? Genau.

    Ich weiß es auch nicht. Wir wissen es, Sie und ich, so wenig, wie wir wissen, wie das Weltklima sich entwickeln wird.

    Wie es aussieht, sind wir, sind Sie und ich, damit in der Minderheit. Denn offenbar wissen das die meisten Menschen.

    Die einen sind sicher, daß es immer wärmer werden wird. Die anderen sind ebenso sicher, daß die betreffenden Vorhersagen vieler Klimatologen Schwindel sind. Lesen Sie, was dazu in Zettels kleinem Zimmer allein heute kluge Leute alles geschrieben haben.

    Ich verabschiede mich jetzt aus dieser Diskussion, an der ich mich nie richtig beteiligt habe. Ich fühle mich überfordert.

    Nehmen Sie es hin, lieber Leser, daß ich nicht weiß, ob es wärmer wird oder nicht. Lesen Sie andere Blogs, wenn Sie eine Antwort haben wollen. Ich kann sie leider nicht geben.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

    Zitat des Tages: "393.000 zusätzliche Kriegstote". Der Propagandakrieg im Vorfeld der Konferenz von Kopenhagen

    Nach den Berechnungen könnte die Zahl bewaffneter Auseinandersetzungen wegen des zu erwartenden Temperaturanstiegs bis zum Jahr 2030 um rund 54 Prozent steigen. Dadurch drohten bis zu 393.000 zusätzliche Kriegstote. Diese Zahl ist zwar ein theoretischer Wert, doch er gibt immerhin einen Hinweis auf die Größenordnung des Problems.

    "Spiegel- Online" gestern unter der Überschrift "Klimawandel in Afrika - Forscher befürchten Zunahme von Bürgerkriegen" über eine Publikation in den Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America.


    Kommentar: Ich finde an dieser Meldung zweierlei bemerkenswert.

    Erstens sind solche Zahlen natürlich Humbug. Sie täuschen eine Exaktheit vor, die es auf einem Gebiet wie der Vorhersage von Kriegen selbstredend nicht geben kann. Auch nicht als "theoretischen" Wert. Theorie ist ja nicht ein anderes Wort für Phantasie.

    Zweitens ist jetzt, im Vorfeld der Konferenz von Kopenhagen, ein Alarmismus zum Thema globale Erwärmung zu beobachten, zu dem diese Meldung bestens paßt. Gegenwärtiger Aufmacher bei "Spiegel- Online": "Neue Studie - Forscher warnen vor blitzartigem Klimawandel". Erster Satz des Artikels: "Die Erde erwärmt sich viel schneller, als es selbst düsterste Szenarien vorhergesagt haben".

    Die Wahrheit ist, daß sich die Erde innerhalb des letzten Jahrzehnts nicht nur nicht schneller als vorhergesagt erwärmt hat, sondern überhaupt nicht. Siehe Es ist vorerst vorbei mit der globalen Erwärmung. Haben die Klimaskeptiker am Ende doch Recht?; ZR vom 17. 11. 2009.

    Der Artikel in "Spiegel- Online" nimmt Bezug auf einen Bericht mit dem Titel The Copenhagen Diagnosis, dessen deutsche Zusammenfassung man hier lesen kann. Darin heißt es:
    Aktuelle globale Temperturen [sic] zeigen, dass die Erwärmung auf Menschen zurückzuführen ist: Seit 25 Jahren haben sich die Temperaturen um 0.19 Grad C pro Jahrzehnt erhöhnt [sic] – das entspricht genau den Vorraussagungen [sic], die auf einem Treibhausgasanstieg basieren. Sogar in den letzten zehn Jahren hat sich der Erwärmungstrend fortggesetzt [sic], obwohl sich solare Einflüsse vermindert haben. Natürliche, kurzzeitige Schwankungen kommen wie gewohnt vor, aber es gab keine einschneidenden Veränderungen im grundlegenden Erwärmungstrend.
    Wenn Sie wissen wollen, wer mit seinem wissenschaftlichen Ruf für diese kühnen Behauptungen geradezustehen hat - hier ist die Liste der Autoren.

    Mindestens fünf von ihnen sind deutschsprachig (Nicolas Gruber, Zürich; Georg Kaser, Innsbruck; Stefan Rahmstorf, Potsdam; Hans Joachim Schellnhuber, Potsdam; Martin Visbeck, Kiel). Keiner hat es offenbar für erforderlich gehalten, die deutsche Zusammenfassung dieser "Diagnose" auch nur Korrektur zu lesen.




    Nachtrag am 25. 11., 14 Uhr: Ich möchte auch auf die sehr lebhafte Diskussion zum selben Thema in diesem Thread in "Zettels kleinem Zimmer" aufmerksam machen.



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    24.11.09

    Marginalie: Wir Deutschen sind beliebt. Meinen wir. Meinen immer mehr von uns. Die Kriegsgeneration stirbt

    Die "Pythia der Nation" nannte man sie einst, Elisabeth Noelle-Neumann, die inzwischen auf die hundert zugeht. Vor mehr als einem halben Jahrhundert, im August 1957, widmete ihr der "Spiegel" eine Titelgeschichte.

    Sie hat eine ausgezeichnete Nachfolgerin gefunden in Renate Köcher, die in der heutigen Ausgabe der FAZ über die Befindlichkeit der Deutschen schreibt.

    Noelle-Neumann war die erste gewesen, die sich mit unserer deutschen Befindlichkeit befaßte; das Handwerk der Demoskopie hatte sie in den USA gelernt.

    Als Noelle-Neumann 1947 das Institut für Demoskopie in Allensbach gründete, war sie nicht besonders gut, die Befindlichkeit der Deutschen. Heute ist sie gut; jedenfalls alles in allem. Schreibt Renate Köcher.



    Hier sehen Sie die Grafik, die ich gern kommentieren möchte.

    Zu sechs Zeitpunkten seit 1991 haben die Allensbacher die Deutschen - also eine repräsentative Stichprobe - gefragt: "Glauben Sie, daß die Deutschen in der Welt beliebt oder unbeliebt sind?".

    Sie sehen zwei monoton verlaufende Kurven. 1991 glaubten 45 Prozent, wir seien unbeliebt, und nur 39 Prozent hielten uns für beliebt. Seither sind bei jeder Befragung die "unbeliebt"-Antworten weniger geworden; die Kurve für "beliebt" ging im wesentlichen spiegelbildlich nach oben. Jetzt, im Jahr 2009, halten uns 56 Prozent für beliebt und gerade einmal noch 21 Prozent für unbeliebt.

    Welcher dramatische Wandel hat sich in diesen knapp zwei Jahrzehnten vollzogen?

    Gar keiner. Nur sterben die einen weg, und die anderen wachsen nach.

    In einer repräsentativen Stichprobe des Jahres 1991 waren die Achtzigjährigen Geburtsjahrgang 1911. Sie hatten als Kinder den Ersten Weltkrieg erlebt. Sie waren junge Leute in ihren Zwanzigern, als die Nazis an die Macht kamen.

    Wer 1911 geboren wurde, der war fast vierzig, als 1950 der Wiederaufbau begann. Bis dahin hatte er nur Not und Elend erlebt, eine wacklige Demokratie und die Verbrechen der Nazis. Kein Grund, zu vermuten, daß wir Deutschen beliebt sein könnten.

    Ähnlich für die jüngeren Jahrgänge. Wer 1950 und später geboren wurde, wer also das Elend dieser ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts nicht erlebt hatte, der war 1991 gerade etwas über die vierzig. Alle Älteren hatten diese Zeit erlebt.

    Im Jahr 2009 sieht das ganz anders aus. Selbst wer jetzt achtzig ist, also 1929 geboren, war am Ende des Zweiten Weltkriegs noch nicht volljährig. Nur die jetzt Uralten, wie Elisabeth Noelle-Neumann, haben die Nazizeit als junge Erwachsene erlebt.

    Wer jetzt mit 65 in Rente geht, der ist Geburtsjahrgang 1944. Er kam in die Schule, als das Wirtschaftswunder einsetzte.

    Wir sind zu einem Volk von Menschen geworden, die in Frieden und - im Westen - in Freiheit und Wohlstand aufgewachsen sind.

    Wir können uns jetzt selbst mögen. Also denken wir uns - vermutlich zu Recht -, daß auch die anderen uns mögen.



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    Zettels Meckerecke: 35 Führende für Nikolaus Brender

    Ist Ihnen Nikolaus Brender bisher aufgefallen? Mir nicht sonderlich.

    Er trägt einen Schnauzbart, immerhin; das ist ein gewisses Alleinstellungsmerkmal. Er ist der Chefredakteur des ZDF. Macht er seine Arbeit gut, macht er sie schlecht? Ich habe keine Ahnung; wie sollte ich das als TV-Konsument auch beurteilen können?

    Ist er konservativ, ein Liberaler, ein Sozialdemokrat? Ich weiß das nicht. Ich erinnere mich an den einen oder anderen Kommentar von ihm. Das war verwaschen. Eine politische Position konnte ich daraus nicht entnehmen. Er gehört keiner Partei an.

    Nun also steht Nikolaus Brender zur Verlängerung seines Vertrags an. Nichts könnte mir gleichgültiger sein, als ob er weitermachen darf oder ob ein anderer, vermutlich ebenso farbloser Chefredakteur an seine Stelle tritt.



    Aber es gibt Leute, denen das keineswegs egal ist. Nicht weniger als 35 "Unterzeichner eines Offenen Briefs" haben sich zu Wort gemeldet, so lese ich es beispielsweise in "Zeit- Online". Und zwar nicht irgendwelche besorgten Bürger, wie man sie ständig beim Unterzeichnen von Offenen Briefen antrifft, sondern - so die FAZ - "führende Verfassungsrechtler".

    So beginnt ihr Offener Brief, wie ihn die FAZ abgedruckt hat:
    Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG garantiert die Rundfunkfreiheit. Sie ist eine wichtige Säule unseres demokratischen Staatswesens. An dieser Säule wird gerade gesägt, und zwar von einigen Mitgliedern des Verwaltungsrats beim ZDF.
    Sägen an einer Säule? Aus Marmor wird sie dann ja wohl nicht sein.

    Na ja. Wer ein führender Verfassungsrechtler ist, der muß nicht unbedingt gutes Deutsch schreiben können oder gar einen Sinn für Metaphern haben. Weiter geht's:
    Nikolaus Brender soll keine oder eine unüblich kurze Vertragsverlängerung als Chefredakteur erhalten, angeblich weil die Quoten im Informationssegment nicht stimmen. Um diese Frage aber geht es in Wahrheit nicht. Es geht schlicht darum, wer das Sagen, wer die Macht hat beim ZDF.
    Ja, gell, da staunste? Im Verwaltungsrat eines Senders geht es um Macht!

    Es ging immer um Macht, seit 1919 die Reichsregierung den Rundfunk unter staatliche Aufsicht stellte, weil man befürchtete, er könnte sonst von kommunistischen Revolutionären okkupiert und zur Beförderung der Revolution eingesetzt werden; siehe Die "Voraussetzungen für eine staatlich kontrollierte Bewußtseinsindustrie". Frank Schirrmacher macht sich Sorgen um den Rundfunk; ZR vom 23. 2. 2009.

    In den Rundfunkräten, in den Verwaltungsräten sitzen Vertreter "gesellschaftlich relevanter Gruppen", das ist wahr; wie beispielsweise des Landesmusikrats Schleswig- Holstein e. V. beim NDR. Aber natürlich bilden sie Koalitionen; und natürlich werden diese Koalitionen von den politischen Profis organisiert, also den Vertretern der Parteien im jeweiligen Gremium.

    Die 35 Führenden meinen, das solle nicht so sein:
    Sollte sich herausstellen, dass letztlich ein Ministerpräsident als Meinungsführer stark genug ist, um einen bestimmten Chefredakteur zu verhindern, so würde dies einen praktischen Beleg dafür liefern, dass die zum Teil geäußerten verfassungsrechtlichen Bedenken gegenüber der Zusammensetzung des Gremiums nicht unbegründet sind. Der Eindruck läge nahe, dass über die Instrumente von staatlicher Einflussnahme und Parteizugehörigkeit politische Mehrheiten in den Aufsichtsgremien organisiert werden.
    Ja, er liegt nahe, dieser Eindruck. Und wenn Brenders Vertrag verlängert wird, dann liegt er immer noch nahe. Nur hat dann halt nicht Ronald Koch gewonnen, sondern seine politischen Gegner.

    Lesen Sie bitte auch, was R.A. zum selben Thema bei den Kollegen von B.L.O.G. schreibt.



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    23.11.09

    Kurioses, kurz kommentiert: Der Wind weht, wann und wo er will. Über den Unsinn "alternativer" Produktion von Strom. Wird die "Tagesschau" erweitert?

    Die Erzeugung von elektrischem Strom erfolgt normalerweise in Abhängigkeit vom Bedarf. Wird - es gibt dafür natürlich Erfahrungswerte - viel Strom benötigt, dann wird mehr Kohle verfeuert, dann fließt mehr Wasser über die Schaufelräder der Turbinen, dann werden die KKWs auf Hochtouren gefahren. Ist die Nachfrage geringer, dann paßt man die Stromerzeugung umgekehrt durch eine entsprechende Verringerung an. Die Lastschwankungen werden ausgeregelt.

    Das geht so mit den "konventionellen" Kraftwerken. Bei Wind- und Sonnenkraftwerken aber funktioniert es nicht.

    Weht, wie heute in Norddeutschland, ein starker Wind, dann drehen sich die Rotoren der Windanlagen wie wild, ob der damit erzeugte Strom nun benötigt wird oder nicht. Ähnlich liefern die Solarpaneele, die sich auf immer mehr Häuserdächern finden, Strom in Abhängigkeit nicht von der Nachfrage, sondern von den Jahreszeiten und den Launen der Natur.

    Bisher war das nicht weiter schlimm, denn die Kapazität dieser esoterischen Arten der Stromerzeugung wird noch einmal von konventionellen Kraftwerken vorgehalten.

    Weht der Wind also einmal nicht und/oder weigert sich die Sonne zu scheinen, dann bügeln diese konventionellen Kraftwerke das durch ein erhöhtes Angebot aus. Umgekehrt können sie ihre Leistung drosseln, wenn einmal vorübergehend Wind und Sonnenschein im Überfluß zur Verfügung stehen.

    Das geht, solange diese alternativen Energien eben esoterische Energien sind.

    Was aber wird, wenn sie - wie sich das die Öko- Freunde wünschen - einen Großteil unseres Strombedarfs decken? Wenn also die konventionellen Formen der Stromerzeugung nicht mehr in hinreichendem Maß verfügbar sind, um die Schwankungen der alternativen Stromproduktion zu kompensieren?



    Wie "Spiegel- Online" heute meldet, ist ein neuer, offenbar lukrativer Geschäftszweig im Entstehen: die Vorhersage der Windstärke für die jeweils kommenden Tage, bis zu fast zwei Wochen voraus.

    Damit kann man zwar den durch Windräder produzierten Strom noch immer nicht an die Nachfrage anpassen. Aber man kann die konventionellen Kraftwerke im Vorhinein so steuern, daß sie die jeweilige Kompensation übernehmen können.

    Diese Anpassung kann aber, wie gesagt, nur dann funktionieren, wenn es überhaupt noch genügend KKWs, Kohle- und Wasserkraftwerke gibt. Was, wenn das gemäß dem Willen der Ökos vorbei sein wird?

    Dann geht die Aufgabe des Ausbügelns an uns Bürger über.

    Ich habe schon die Meldung im Ohr, die man dann nach dem Wetterbericht im TV hören wird:
    Meine Damen und Herren, hier noch unsere aktuelle Energiemeldung. In ganz Deutschland weht heute ein kräftiger Wind, und die Sonne scheint. Sie dürfen also ihren Plasma- Fernseher benutzen, auf dem Elektroherd kochen und die Weihnachtsbeleuchtung einschalten.
    Und umgekehrt wird es nach der "Tagesschau", nach der "heute"- Sendung auch diese Art von Mitteilungen geben:
    Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, heute wird in ganz Deutschland die Sonne nicht scheinen, und die Windräder werden wegen einer Flaute nur geringe Mengen an Strom erzeugen.

    Sehen Sie also bitte nicht fern, beschränken Sie die Beleuchtung Ihrer Wohnung auf das Notwendige und verzichten Sie auf warme Mahlzeiten sowie auf Warmgetränke. Duschen und baden Sie nicht.

    Elektrische Heizgeräte dürfen Sie unter keinen Umständen benutzen; Sie machen sich damit strafbar. Falls Ihnen kalt ist, dann hilft ein warmer Pullover und ein darüber gezogener wattierter Mantel. Einen Grog vermeiden Sie bitte wegen des mit der Erhitzung verbundenen Stromverbrauchs. Purer Rum ist hingegen erlaubt, wie auch andere hochprozentige alkoholische Getränke, die Ihnen das Gefühl der Wärme geben.

    Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Abend bei einem guten Buch, das man durchaus auch im Schein einer Kerze genießen kann. Wir melden uns wieder, wenn der Engpaß beseitigt ist.
    Eine kuriose Utopie? Nein, die ganz reale Welt unserer ökologisch korrekten Zukunft.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an Calimero für fachliche Beratung.

    Zitat des Tages: John McCain zu Afghanistan. Nebst Anmerkungen zur psychologischen Kriegsführung

    Der Surge hat im Irak funktioniert. Das kann und wird auch in Afghanistan klappen – wenn wir genügend Soldaten schicken! Und wenn wir zugleich unseren Feind überzeugen, dass wir erst unseren Auftrag erfüllen, bevor wir irgendein Datum für den Abzug verkünden.

    Senator John McCain in einem Interview mit Korrespondenten verschiedener Zeitungen, das jetzt in "Zeit- Online" zu lesen ist.


    Kommentar: John McCain benennt den zentralen Aspekt jedes asymmetrischen Kriegs: Er ist ein psychologischer Krieg.

    Im Irak konnten die Aufständischen zu keinem Zeitpunkt militärisch gewinnen. Zu keinem Zeitpunkt waren - und sind - aber andererseits auch die irakische Regierung und die USA in der Lage gewesen, den Aufstand vollständig militärisch niederzuschlagen.

    Ebenso ist es jetzt in Afghanistan; ebenso war es bei allen diesen "nationalen Befreiungskriegen" in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, mit denen die Kommunisten die Weltrevolution vorzubereiten trachteten.

    In solchen Kriegen siegt derjenige, der glaubwürdig vermittelt, daß er nicht bereit ist, die Waffen zu strecken. Wer zögert, wer laviert, wer endlose Beratungen abhält, ohne zu einer Entscheidung zu kommen, wie das jetzt Obama tut, der hat bereits verloren. Egal, zu welcher Entscheidung er sich schließlich durchringt.

    Das Entscheidende am Surge im Irak war nicht, daß er die Truppen der Koalition militärisch in die Offensive brachte; so wichtig das auch war. Entscheidend war die message, daß die USA nicht nachgeben würden. Also schlugen sich immer mehr Iraker, schlugen sich ganze Stämme und Provinzen auf die amerikanische Seite. Ich habe das damals in der Serie "Ketzereien zum Irak" dokumentiert. Vielleicht mögen Sie den einen oder anderen dieser Artikel noch einmal nachlesen; beispielsweise Eine neue Allianz, eine neue Strategie, eine neue Taktik; ZR vom 4. 8. 2007.

    Präsident Obama macht jetzt in Afghanistan genau das Falsche. Seine Halbherzigkeiten und seine Unentschlossenheit signalisieren den Afghanen - und nicht nur ihnen - , daß auf das Amerika dieses Präsidenten kein Verlaß ist.

    Er hat die Verbündeten in Osteuropa bei der Raketenabwehr fallen lassen. Er wird - so jedenfalls ist jetzt die Wahrnehmung - die Verbündeten der USA in Afghanistan fallen lassen, wenn es ihm opportun erscheint.

    Da stellt man sich doch besser auf die Seite der Feinde der USA. Diese sind entschlossen und berechenbar. Das ist es, was im Augenblick in Afghanistan stattfindet.

    Obama wird das Leben weiterer amerikanischer und verbündeter Soldaten opfern. Erreichen wird er in Afghanistan nichts.

    Es sei denn, daß Obama nicht mehr Obama ist. Daß er Zuverlässigkeit und Berechenbarkeit ausstrahlt statt Wankelmut und die Selbstverliebtheit des Narziß. Aber wo sollte er das hernehmen?



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    22.11.09

    Terroristen, Verbrecher, Kombattanten. Der Prozeß gegen Khalid Sheikh Mohammed und andere könnte zu einem Fiasko für die USA werden

    Gestern vor einer Woche hat der amerikanische Justizminister Eric Holder mitgeteilt, daß fünf bisher im Lager von Guantánamo Bay inhaftierte Terroristen, die für die Anschläge des 11. September verantwortlich gemacht werden, vor ein ordentliches amerikanisches Gericht gestellt werden sollen; und zwar in New York. Eine Entscheidung, die verschiedene Aspekte hat, darunter das Risiko eines Anschlags während des Prozesses.

    Über einen anderen Aspekt berichtet heute "Spiegel- Online" in einer Vorabmeldung zum "Spiegel" der kommenden Woche. Danach will die Bundesregierung Prozeßbeobachter nach New York schicken, um sicherzustellen, daß "mögliche Todesurteile nicht auf deutschen Beweismitteln beruhen".

    Auf einen dritten Aspekt will ich aufmerksam machen: Ist es überhaupt angemessen, solche Terroristen durch ein ordentliches Gericht aburteilen zu lassen?



    Als Guantánamo noch das Problem von George W. Bush und nicht das von Barack Obama war, konnte man oft die folgenden beiden Auffassungen hören: Die USA hielten sich, was die Behandlung der dortigen Gefangenen anging, nicht an die Genfer Konvention. Und: Die Gefangenen sollten statt vor Militärgerichte vor ein ordentliches Gericht in den USA gestellt werden.

    Oft wurden diese beiden Auffassungen von derselben Person, demselben Autor vertreten.

    Das ist seltsam, denn sie schließen einander aus. Vor ein ordentliches Gericht werden Straftäter gestellt. Für Straftäter gilt aber nicht die Genfer Konvention. Diese gilt ausschließlich für Kombattanten. Diesen aber wird das Töten von Feinden nicht als Straftat zugerechnet. Auch nicht das von feindlichen Zivilisten; sonst hätte nach dem Zweiten Weltkrieg der britische General Harris samt der Führung der britischen und der amerikanischen Luftwaffe vor Gericht gestellt werden müssen.

    Was also sind Terroristen? Straftäter wie jeder andere Mörder auch? Oder feindliche Kämpfer, die nach den Regeln des Kriegsrechts zu behandeln sind?

    Das Problem ist, daß niemand das weiß. Oder genauer gesagt: Es ist bisher nicht völkerrechtlich geklärt. Der Terrorismus und asymmetrische Kriege sind Erscheinungen, die vom bisherigen internationalen Recht nicht zureichend erfaßt werden. Darauf hat jetzt bei Stratfor George Friedman in einem längeren Artikel aufmerksam gemacht. Auf ihn stütze ich mich im folgenden.



    Erstens: Sind die in Guantánamo einsitzenden Terroristen Kriegsgefangene, für welche die Genfer Konvention gilt?

    Den Schutz der Genfer Konvention genießen nur Kombattanten, die sich als solche ausweisen. In früheren Fassungen der Genfer Konvention wurde dafür das Tragen einer Uniform verlangt. Nach der jetzt gültigen Fassung von 1949 genügt es, daß die Betreffenden Abzeichen oder Armbinden tragen oder sich durch das offene Tragen von Kriegswaffen als Kombattanten zu erkennen geben.

    Auf die Attentäter des 11. September und ihre Hintermänner und Auftraggeber trifft das offenkundig nicht zu. Sie sind keine Kombattanten. Insofern ist die Entscheidung von Präsident Obama, Khalid Sheikh Mohammed und seine Komplicen vor ein ordentliches Gericht zu stellen, nachvollziehbar.

    Aber - Punkt zwei - wie wird dieses Verfahren ablaufen und ausgehen? Friedman weist auf einige bedenkliche Konsequenzen von Obamas Entscheidung hin.

    Mohammed und seine Mitangeklagten wurden nicht von amerikanischer Polizei in den USA festgenommen, sondern von Soldaten oder Agenten außerhalb der USA. Sie befanden sich jetzt sieben Jahre lang nicht in einem Gefängnis, sondern in einem Militärlager. Die Öffentliche Meinung hat sie längst vorverurteilt.

    Die Verteidigung wird jede Menge Verfahrensverstöße daran festmachen können, ganz abgesehen von möglicher Folter. Wurden die Angeklagten wie vorgeschrieben über ihr Recht zu schweigen belehrt? Wurden die Beweismittel so gesichert, wie es das amerikanische Recht vorschreibt?

    Es besteht, schreibt Friedman, die reale Möglichkeit, daß die Angeklagten freigesprochen werden oder daß das Verfahren wegen rechtlicher Mängel abgebrochen werden muß. Auch wenn die Schuld der Angeklagten offen zutage liegt - Mohammed hat schon 2003 gestanden. Auch O.J. Simpson wurde von einer Jury freigesprochen, obwohl erdrückende Beweise gegen ihn vorlagen.

    Das wäre ein außenpolitisches Fiasko für die USA. Präsident Obama und Justizminister Holder sind mit der Entscheidung, die Fünf vor ein reguläres Gericht zu stellen, ein unkalkulierbares Risiko eingegangen.

    Ja, aber haben sie damit denn nicht nur das gemacht, was Präsident Bush versäumt hat, nämlich sich strikt an Recht und Gesetz zu halten?

    Nein, schreibt Friedman, und ich schließe mich seiner Auffassung an: Mohammed und seine Kumpane sind ebensowenig normale Straftäter, wie sie normale Kriegsgefangene sind. Sie sind keine normalen Straftäter, weil sie einen Krieg gegen die USA führen. Sie sind keine normalen Kriegsgefangenen, weil sie diesen Krieg mit Mitteln führen, die bisher vom Völkerrecht nicht erfaßt werden.

    Und als meine Meinung, nicht die von Friedman, füge ich hinzu: Wieder einmal hat der vielgeschmähte Präsident Bush vernünftiger und mehr im Interesse der USA gehandelt als sein Nachfolger.

    Solange das Phänomen des asymmetrischen Kriegs vom Völkerrecht nicht abgedeckt wird, ist der Status der Terroristen am ehesten dem von Partisanen vergleichbar. Diese wurden von Militärgerichten abgeurteilt. So hatte es Präsident Bush auch für die in Guantánamo Einsitzenden vorgesehen. Allerdings nicht im Verfahren des Standgerichts, wie früher meist üblich, sondern in einem ordentlichen militärgerichtlichen Prozeß. Es war die beste juristische Antwort auf eine unbefriedigende rechtliche Situation gewesen.

    Obama und Holder meinen es besser zu wissen. Noch einmal Friedman:
    Holder has opened up an extraordinarily complex can of worms with this decision. As U.S. attorney general, he has committed himself to proving Mohammed's guilt beyond a reasonable doubt while guaranteeing that his constitutional rights (for a non-U.S. citizen captured and held outside the United States under extraordinary circumstances by individuals not trained as law enforcement personnel, no less) are protected. It is Holder's duty to ensure Mohammed's prosecution, conviction and fair treatment under the law. It is hard to see how he can.

    Mit seiner Entscheidung hat Holder in ein Wespennest von ungewöhnlicher Komplexität gestochen. Als amerikanischer Justizminister hat er sich darauf festgelegt, die Schuld von Mohammed jenseits jeden vernünftigen Zweifels zu beweisen und dabei dessen verfassungsmäßige Rechte zu garantieren (die eines Nicht- Bürgers der Vereinigten Staaten, der unter außergewöhnlichen Umständen außerhalb der USA von Personen festgenommen und gefangen gehalten wurde, die keine Schulung als Polizeibeamte hatten - nicht weniger als das). Es ist Holders Pflicht, die Anklage, Verurteilung und rechtmäßige Behandlung von Mohammed zu zu erreichen. Es ist schwer zu erkennen, wie er das kann.
    Man hat den Eindruck, als hätte Präsident Obama von Mißerfolgen noch nicht genug; als würde er diese nachgerade planmäßig auf sich und sein Land ziehen wollen.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: NSF. Als Werk der US-Regierung in der Public Domain.

    21.11.09

    Cahors Mundi. Teil 1: Sodomie und Wucherei

    Manche Städte kennt jedes Kind - New York, Tokio, Rio, Paris, die großen glänzenden Weltstädte. Andere Städte kennt so gut wie niemand, ohne daß sie dies daran hindert, auf ihre Art ebenfalls Weltstädte zu sein, wie zum Beispiel St-Sébastien-d'Aigrefeuille, Mukaishima, Vézenobres, Auriac-sur-Vendinelle, Muchungiko, Nachikatsuura, Frayssinet-le-Gélat, West Flamborough und fast tausend weitere dergleichen Orte.


    Und sollten das etwa keine Weltstädte sein? Sie verbinden sich mit dem großen Ganzen eben nicht durch eine überragende Attraktivität, die kulturelle Bedeutung, die wirtschaftlichen Verbindungen, die universelle Bekanntheit, sondern auf ihre Weise, nämlich schlicht und feierlich, indem sie eine Charta unterzeichnet haben, mit der sie verkünden:


    Sans rien renier de notre attachement, de nos devoirs et de nos droits à l'égard de notre région et de notre nation dans la mesure où ils sont compatibles avec un ordre mondial, nous nous déclarons, symboliquement, Territoire Mondial lié à la Communauté Mondiale.


    Ohne uns im geringsten von unserer Bindung, unseren Pflichten und Rechten gegenüber unserer Region und Nation loszusagen, soweit diese mit einer Weltordnung vereinbar sind, erklären wir uns symbolisch zu einem mit der Weltgemeinschaft verbundenen Territorium der Welt.


    Auch St-Sébastien-d'Aigrefeuille in den Cevennen ist Welt! Gleichgültig ob es jemand kennt.


    Inzwischen haben sich darüber hinaus schon ein Dutzend französische Départements sowie jede zweite japanische Provinz als Teil der Welt erklärt. Deutschland hingegen hat leider nur drei Weltstädte, nämlich Königswinter, Oberwinter und Bad Wimpfen.


    Die erste dieser Weltstädte jedoch ist Cahors im Département Lot, Südfrankreich.


    Cahors, ein Ort von heute 23000 Einwohnern, liegt etwa 100 km nördlich von Toulouse in einer Schleife des Flusses Lot, welcher der schönen Garonne zuströmt. Im Mittelalter waren die "schwarzen" Weine der Gegend sehr begehrt und wurden nach England und sogar bis Norwegen exportiert. Dies taten Kaufleute, die vermutlich aus dem italienischen Siena herübergekommen waren, und in der verworrenen politischen Lage Südfrankreichs ein hohes Maß an städtischer Autonomie, und zugleich ein geringes Maß an Rechtssicherheit vorfanden - der geeignete Ausgangspunkt wohl für Geschäfte, die ohnehin riskant waren, wie der Fernhandel und die damit einhergehenden, oft sogar dominierenden Geldgeschäfte.


    Das Geldverleihen brachte den Cahorsiner Kaufleuten einen Ruf als Wucherer ein. So schrieb Matthaeus Parisiensis in seiner »Chronica major« aus der ersten Hälfte des 13. Jh. unter dem Titel "De peste Caursinorum": Caursini enim manifesti usurarii - die Cahorsiner sind offenkundig Wucherer, obwohl sie - se mercatores appellabant - sich als Kaufleute bezeichnen, und noch dazu sind sie - transalpini, transmontani, Ytalici - mit einem Wort Ausländer. Im Jahre 1240 erfolgte, wie Matthaeus erfreut berichtet, die Ausweisung der Caursini aus England und Frankreich, jedenfalls jener, die "nicht durch ihrer Hände Arbeit ein ehrbares Leben zu führen bereit sind". Sieh, ein Schlupfloch! Das ermöglichte es dann doch so manchen zu bleiben, indem sie sich die Ehrbarkeit für entsprechendes Entgelt bei regionalen Machthabern bestätigen ließen. Entsprechend blieben zahlreiche Wucherer im Land, so daß im Jahre 1269, unter Ludwig dem Heiligen, der Vorgang wiederholt werden konnte.


    Häufiger wandte man eine einfachere Methode an, um zu Geld zu kommen: gelegentlich (1274, 1277, 1288, 1291, 1311, 1320, 1330, 1337) sperrte man die italienischen usurarii ein und ließ sie gegen passende Bezahlung wieder frei - eine Vorgehensweise, die auch unserer Zeit nicht ganz fremd ist, Herr Zumwinkel kennt das gut. Dieser königliche Finanzierungsweg trug beispielsweise zum Bau der Valentrébrücke in Cahors aus dem frühen 14. Jh. bei, die oben in der Vignette zu sehen ist. Manche Autoren meinen, die französische Redewendung "enlever quelqu'un comme un Corsin" - "jemanden wie einen Corsin einbuchten" beziehe sich auf Cahors und habe ihren Ursprung in diesen Praktiken.


    Die Worte "Caorsini" und "Lombardi" wurden geradezu sprichwörtlich für "Wucherer", ohne damit unbedingt noch die örtliche Herkunft zu meinen. Auch in Mitteleuropa kannte man die "Kawerschen" oder "Kawerzin"; so bezeichnete man die lombardischen Geschäftsleute, die sich im 13. Jh. anschickten, die ersten Schweizer Banken zu gründen. "Kawersch" wurde anscheinend sogar ein Rechtstitel, der die betreffenden Personen den Juden gleichstellte und ihnen damit das unrechte Geschäftsgebaren ermöglichte. Dennoch wandelten sie auf dünnem Eis und brauchten vor allem Schutzherren wie beispielsweise Kaiser Karl IV., der ihretwegen 1359 den Zürcher Stadtoberen schrieb: "wann alle kawerzin, wuocher und juden unser und des richs camer dienen und gehörn. Des manen wir euch und gebieten euch ernstlich und vestechli, das jr ... dieselben kawerzin und juden ungehindert lassen sollet", wofür ihm an dieser Stelle ein spätes aber herzliches Lob zuteil werden soll. Manchmal steht die Kawallerie doch auf der Seite der Kawerschen.


    Dem schlechten Ruf verdankt die Stadt Cahors ihren Platz in der Weltliteratur; kein geringerer als Dante Alighieri war es, der in seiner »Göttlichen Komödie« "Soddoma e Caorsa" auf einer Zeile vereinte. Der Zusammenhang mit Sodom mag auf den ersten Blick erstaunlich wirken, wo doch in der heutigen Zeit die Homophobie sehr verpönt ist, während Bankerfeindlichkeit zum guten Ton gehört: wie konnte Dante das nur auf eine Stufe stellen? Und noch erstaunlicher ist vielleicht Dantes Behauptung in diesem Zusammenhang, beides stelle Formen der Gewalt gegen Gott dar.


    "Indem Dante für Gomorra das im Italienischen ähnlich lautende Caorsa einsetzt, unterstreicht er auch akustisch wirkungsvoll die Verbindung der physischen mit der handelsgewerblichen Unzucht", meint dazu der Dantologe Dieter Kremers bündig, wenn auch etwas unklar. Dante selbst begründet die Verdammenswürdigkeit des Wuchers mit dem Buch Genesis, wo es bekanntlich heißt, "im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen". Der Wucherer verletze die Natur ebenso wie der Sodomiter, da er altra via tene - auf anderem Wege geht. Noch deutlicher erklärt Dantes philosophischer Gewährsmann Aristoteles die Widernatürlichkeit des Zinsennehmens, da hierbei aus dem Geld selbst der Erwerb gezogen werde und nicht aus dem, wofür das Geld da sei. "Denn das Geld ist um des Tausches willen erfunden worden, durch den Zins vermehrt es sich aber durch sich selbst. Daher hat er auch seinen Namen: das Geborene ist gleicher Art wie das Gebärende, und durch den Zins entsteht Geld aus Geld. Diese Art des Gelderwerbs ist also am meisten gegen die Natur." (Griechisch tokos bedeutet sowohl Geburt, Nachkommen, als auch Zins).


    Die quasi asexuelle Weise der Geldvermehrung, so mag man Dante verstehen, bringt nicht wie die Natur Neues, sondern lediglich mehr vom Gleichen hervor, und ist daher auch nicht besser als das unfruchtbare Geschlechtsleben der Sodomiter. Zwar glaubt Dante, auch die Natur würde von sich aus immer das Gleiche schaffen, doch mische sich bei ihr Gottes Vorsehung individualisierend in den Vorgang ein. Wo also Menschen absichtlich nur Gleiches aus Gleichem entstehen lassen, schließen sie Gott von der Mitwirkung aus, was vielleicht die Rede von der Gewalt gegen Gott erklärt, als die Dante den Wucher und die Sodomie bezeichnet hat.


    Wo nun aber Dante während seines Ganges durch die Hölle die dort im Feuerregen büßenden Wucherer besucht, trifft er nicht auf Caorsini, sondern auf Landsleute seiner lieben Heimatstadt Florenz, die ja auch der bedeutendste Bankenplatz des Zeitalters gewesen ist. Nur der Ruf Caorsas als Stadt der Wucherer war ihm also wichtig, nicht die Caorsiner Wucherer selbst. Daher nehme ich an, daß es mit der herausgehobenen Stellung Caorsas als Pendant zu Sodom noch eine weitere Bewandtnis hat: Cahors war nämlich die Heimatstadt des damals amtierenden Papstes Johannes XXII., vom dem Dante nicht viel hielt. Del sangue nostro Caorsini e Guaschi s'apparecchian di bere - "Nach unserem Blute lechzen schon Cahorsen und Gascogner", donnert er gegen Johannes und seine Anhänger sowie den Gascogner Clemens V. Genauer wirft Dante Johannes vor: tu che sol per cancellare scrivi - "du, der einzig schreibst um auszulöschen", womit er die Praxis dieses Papstes meinte, zu exkommunizieren, um sich die Rücknahme bezahlen zu lassen - gewissermaßen das geistliche Gegenstück zu dem erwähnten königlichen Verfahren des "enlever comme un Corsin". Die Heimatstadt des gehassten Papstes mit Gomorra gleichzusetzen, war Dante sicher ein Vergnügen.


    Überhaupt scheinen sich die Cahorser Kaufleute gern als Gläubiger der Kirche betätigt und damit in dem großen Konflikt zwischen dem päpstlichen und dem kaiserlichen Machtanspruch auf Seiten des Papstes gestanden zu haben, welcher seine schützende Hand über ihren Ursprungsort Siena hielt.


    Keiner hat die weltliche Macht des Papstes damals grundsätzlicher abgelehnt als gerade Dante Alighieri. Der Kaiser sollte unabhängig von dem Papst im weltlichen Bereich herrschen, der Papst sich dagegen um das Seelenheil und die Kirche kümmern. Dantes zentrale politische Idee war die Weltmonarchie, für deren Entdecker er sich selber hielt:


    (...) um nicht den Vorwurf auf mich zu ziehen, mein Pfund vergraben zu haben, so wünsche ich nicht bloß zu »grünen, sondern Frucht zu tragen« für das öffentliche Wohl und von andern noch unberührte Wahrheiten ans Licht zu ziehen. Denn welchen Nutzen brächte der, welcher einen Lehrsatz des Euklid zum zweiten Mal bewiese? (...) Da nun aber unter andern verborgenen und nützlichen Wahrheiten die Kenntnis von der weltlichen Monarchie eine der nützlichsten und verborgensten ist und als nicht unmittelbar gewinnbringend von allen noch unberührt geblieben ist, so habe ich in der Absicht, sie aus dem Dunkel, in welchem sie steckt, hervorzuholen, teils um mit Nutzen für die Welt zu wachen, zum Teil auch, um die Palme eines solchen Wagnisses zu meinem Ruhme zuerst zu erlangen.


    Ein einzelner Herrscher über alle Menschen diene am besten dem allgemeinen Frieden, und da er außerdem keine Ambition haben kann, seinen Herrschaftsbereich auszudehnen, habe er allen Grund, sich statt dessen um das Wohl der Menschheit zu bekümmern, indem er überall für die richtige politische Verfassung sorgt:


    Und dergleichen richtige Staatsverfassungen erstreben die Freiheit, d.h., daß die Menschen ihrer selbst wegen da sein sollen. Denn die Bürger sind nicht der Konsuln wegen da, noch das Volk wegen des Königs, sondern umgekehrt die Konsuln wegen der Bürger und der König wegen des Volks. (...) Hieraus geht auch hervor, daß der Konsul oder König zwar rücksichtlich des Weges die Herren, rücksichtlich des Zieles aber die Diener aller übrigen sind und zumal der Weltmonarch, der ohne Zweifel für den Diener aller zu halten ist.


    Ein schöner Gedanke. Und doch kam es bekanntlich bis heute nicht zu einer solchen Weltherrschaft des Friedens und der Freiheit.


    Während also die Streitereien in Europa und in der Welt weitergingen, verlor die Stadt Cahors nach und nach alles, was sie jemals ausgezeichnet hatte. Als erstes ihren schlechten Ruf; mit den Wucherern ging es schon im 14. Jh. zu Ende, und auch international schimpfte man nur noch "Lombardi" und nicht mehr "Caursini". Die Universität, die Papst Johannes im Jahre 1331 seiner Heimatstadt gegeben hatte, und die bis ins 18. Jh. recht bedeutend war, wurde von der Universität Toulouse geschluckt. Und schließlich wurde sogar noch der berühmte Wein, mit dem die Päpste einst in Avignon die Messe feierten und den sich noch Zar Peter der Große an den Hof schicken ließ, vom Bordeauxwein überflügelt und geriet in Vergessenheit. Die Winzer ließen pisser la vigne - den Weinberg pinkeln -, wie die Wikipédia schreibt: hielten sich mit billigem Massenwein am Leben. Cahors versank in Bedeutungslosigkeit.


    Wie aber die Stadt jäh aus der Tiefe der Vergessenheit aufstieg, und für einen Augenblick beinahe zur Leuchte der Menschheit wurde, wird im zweiten Teil geschildert werden.



    Quellen:

    Zu den Weltstädten siehe www.recim.org. Über die Geldverleiher im Mittelalter informieren Robert Davidsohn, Geschichte von Florenz, 4. Bd., 2. Teil, Berlin 1925, S. 211 ff., Johannes von Müller, Der Geschichten schweizerischer Eidgenossenschaft. 4 Bde, Leipzig, 1786–1805, 2. Bd, S. 230, Angelo Garovi, Lombardische Kaufleute und die Anfänge des Bankwesens in der Schweiz, Neue Zürcher Zeitung NZZ Nr. 141 vom 22. Juni 1998. (http://www.steudler.ch/kurt/SRW/Dateien/NZZ_Banken_Geschichte.pdf), und speziell zu Cahors: J. Chaudruc de Crazannes, Dissertation sur les banquiers nommés Cahursins, Caorsins, et Corsins, sur leur origine er établissement dans le Quercy er particulièrement à Cahors, vers la fin de Moyen-Age, Revue d'Aquitaine, 1861, S. 318-325. Cahors und Dante siehe: Dieter Kremers, Die Wucherer in Dantes Hölle, in: K. Lichau, H. J. Simon (Hg.), Studien zu Dante. Festschrift für Rudolf Palgen, Graz 1971, 89-102. Die Stellen bei Dante (Inferno, 11.50, 11.109, Paradiso 8.121-135, 18.130, 27.58) sind in der Übersetzung von Ida und Walter v. Wartburg zititert (Manesse 1963). Aristoteles über die Zinsen: Politik, 1.11, 1258b. Zur Frage der Sodomie und des Wuchers bei Dante schreibt Gregory B. Stone, Sodomy, Diversity, Cosmopolitanism; Dante and the Limits of the Polis, Dante Studies 123, 2005, S. 89-132 mancherlei. Dantes Monarchia (aus Buch 1, Kap. 1 und Kap. 12) zitiere ich in der Übersetzung von L. Heimanns aus: Geschichte der Philosophie, Band 2 Mittelalter, Reclam 1982.




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    Marginalie: Was macht den Fußball-Wettskandal so empörend?

    Daß es einen neuen Wettskandal im Fußball gibt, steht fest. "Spiegel- Online" dokumentiert die Pressemitteilung der Bochumer Staatsanwaltschaft und Polizei. Welchen Umfang der Skandal am Ende haben wird, ist derzeit ungewiß. Über die verdächtigen Personen und die betroffenen Vereine ist noch nichts bekannt.

    Ich bin empört. Wie vermutlich die meisten Deutschen; die am Fußball interessierten, aber auch andere. Woher kommt diese Empörung?

    Man muß diese Frage stellen, denn andere Betrügereien empören uns ja weit weniger.

    Bei Subventionen wird betrogen. Versicherungsbetrug gilt nachgerade als Volkssport. Jeder von uns, der eine Kreditkarte hat, ist bedroht durch die ständigen und oft erfolgreichen Versuche, auf den verschiedensten Wegen an deren Daten zu kommen und damit an unser Geld. Wir sind umgeben von Trickbetrügern. Berichte über den Enkeltrick, den Zetteltrick, den Teppichtrick füllen die Zeitungen.

    Das betrifft uns, weil es uns persönlich zu potentiellen Opfern macht, viel unmittelbarer als die Manipulation von Fußballspielen. Warum ist also bei dieser die Empörung so groß?

    Ich vermute, daß es etwas mit dem besonderen Status des Sports zu tun hat.

    Wir leben in einer Welt, in der wir ständig damit rechnen müssen, daß unfair gespielt wird, daß Regeln verletzt werden. Wir wissen, daß im realen Leben meist nicht der Bessere gewinnt, sondern der Trickreichere, der Schamlosere, der Gewieftere.

    Aber im Sport ist das anders. Da gelten klare Regeln, über deren Einhaltung penibel gewacht wird. Da zählt nur die Leistung plus das "Quentchen Glück".

    Im Sport ist die Welt noch in Ordnung. Das macht einen wesentlichen Teil seines Reizes aus. Ein Fußballspiel, bei dem man damit rechnen müßte, daß alles nur Show ist wie beim Catchen, würde schlagartig seine Attraktivität verlieren.

    Wer im Sport manipuliert, der nimmt uns also das Vergnügen am Sport. Er zerstört dieses Refugium der Fairness und der Unbestechlichkeit. Das macht uns so wütend.



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    20.11.09

    Marginalie: Die Verfolgung des Arbeitslosen Ramón Velásquez Toranzo. Über den Alltag in Cuba. Nebst einer Bemerkung über die Partei "Die Linke"

    Vorgestern, am 18. November, veröffentlichte Human Rights Watch seinen neuen Bericht über die Lage der Menschenrechte in Cuba. Die Zusammenfassung auf Deutsch können Sie hier lesen. Das Fazit lautet:
    Raúl Castro hat Kubas Unterdrückungsapparat voll aufrechterhalten, anstatt ihn aufzulösen.

    Der 123-seitige Bericht "New Castro, Same Cuba" zeigt, dass die Regierung Raúl Castro zunehmend auf den Straftatbestand der "Gefährlichkeit" zurückgreift. Dieser erlaubt es den Behörden, Personen zu verhaften, bevor sie überhaupt eine Straftat begangen haben. Es genügt der Verdacht, dass sie voraussichtlich in Zukunft ein Verbrechen begehen werden. Dieser Straftatbestand ist offenkundig politisch begründet, da jegliches Verhalten, das Kubas sozialistischen Normen widerspricht, als "gefährlich" eingestuft wird.
    Der ganze Bericht ist auf Englisch hier verfügbar. Statt ihn zu referieren, möchte ich am Beispiel eines Einzelschicksals, das als eines von mehreren in dem Bericht dokumentiert wird, zeigen, was es bedeutet, heute in Cuba zu leben.



    Ramón Velásquez Toranzo ist ein cubanischer Menschenrechtler. Am 10. Dezember 2006 - dem Internationalen Tag der Menschenrechte - brach er mit seiner Frau und ihrer achtzehnjärigen Tochter Rufina zu einem Marsch durch Cuba auf; er sollte über die ganze Länge der Insel gehen, von Ost nach West. Jeder der drei trug ein Plakat. Darauf stand auf Spanisch "Anerkennung der Menschenrechte", "Freiheit für politische Gefangene" und "Keine Unterdrückung der friedlichen Opposition".

    Sie marschierten stumm. Nachts schliefen sie neben der Straße, manchmal bei Freunden.

    Nach einigen Tagen hatten die Sicherheitskräfte sie entdeckt. In der Nähe der Stadt Holguín wurden sie von Mitgliedern der "Schnellen Eingreifbrigade" gestellt und beschimpft. Man drohte, Bárbara and Rufina zu vergewaltigen. Es war auch Polizei anwesend, die nichts tat.

    In Holguín wurde die Familie festgenommen. Velásquez wurde in ein Gefängnis gesteckt; seine Frau und seine Tochter wurden gewaltsam in ihre Wohnung in Las Tunas zurückgebracht.

    Nach vier Tagen ließ man Velásquez frei. Die Familie traf sich wieder und setzte ihren Marsch fort. Zweimal versuchte man, sie mit einem Auto zu überfahren. Sie mieden daraufhin die Straßen. Sie wurden weiter von Angehörigen der Sicherheitskräfte verfolgt und beschimpft.

    Am 19. Januar 2007 erreichten sie Camagüey. Dort wurden sie erneut verhaftet. Velásquez wurde vier Tage festgehalten und dann vor Gericht gestellt. Die Anklage lautete auf Arbeitslosigkeit. Arbeitslos zu sein ist in Cuba unter Strafe gestellt.

    Fünf Minuten vor Beginn des Prozesses lernte er seine Verteidigerin kennen. Sie verteidigte ihn zunächst energisch. Dann ordnete das Gericht eine Verhandlungspause an und verlangte ein Gespräch mit der Anwältin. Als das Verfahren wieder aufgenommen wurde, war sie weiter anwesend, sagte aber bis zum Ende des Verfahrens kein Wort mehr.

    Nach einer Verhandlungsdauer von weniger als einer Stunde wurde Velásquez zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Er wurde in eine Haftanstalt verlegt, bis auf die Unterwäsche ausgezogen und in eine winzige Einzelzelle ohne Bett verbracht.

    Dort befindet er sich noch immer. Er schläft auf dem Betonboden, der bei Regen von Wasser überflutet wird. Die Verpflegung ist erbärmlich. Als seine Familie versuchte, ihm Essen zu bringen, wurde dieses mehrfach vor die Zelle gestellt, bis es verdorben war.

    Seine Frau leidet jetzt unter einer schweren Depression. Sein Sohn René verlor seinen Arbeitsplatz. Seine Tochter Rufina setzte die Arbeit für die Menschenrechte fort. Ihr wurde mehrfach gedroht, daß sie das Schicksal ihres Vaters erleiden werde. Inzwischen ist ihr die Flucht in die USA gelungen.

    Der Bericht schildert eine Reihe ähnlicher Schicksale, die verdeutlichen, wie es sich heute im real existierenden Sozialismus Cubas lebt.

    Von den "Reformen", die von Raúl Castros Amtsübernahme erhofft worden waren, ist nichts zu bemerken.

    Im Gegenteil: Politischen Gefangenen geht es noch genauso jämmerlich wie unter Fidel Castro; ich habe über die Zustände in cubanischen Gefängnissen im Januar 2007 ausführlich berichtet (Über die Haftbedingungen in Guantánamo; ZR vom 27. Januar 2007). Und auch der Normalbevölkerung geht es eher noch schlechter als unter dem Comandante en Jefe; siehe In Cuba wurden die Essensrationen in den Kantinen halbiert; ZR vom 17. 8. 2009.



    Wer interessiert sich bei uns für diese Verhältnisse? Kaum jemand. Der kranke Fidel Castro hatte, als er noch der Staatschef war, das Land Cuba vorübergehend ins Interesse der Medien hinein katapultiert. Seit sein bleicher Bruder Raúl regiert, beachtet man in Deutschland die dortigen Verhältnisse ungefähr so intensiv wie diejenigen in Burkina Faso.

    Ausgenommen allerdings die Freunde des sozialistischen Cuba, die in der Arbeitsgemeinschaft "Cuba Sí" beim Parteivorstand der Partei "Die Linke" zusammengeschlossen sind. Der Sitz dieser AG ist das Karl- Liebknecht- Haus, in dem auch der Parteivorstand selbst residiert. In den Politisch- organisatorischen Grundsätzen der AG heißt es in Paragraph 19:
    Neben der Zusammenarbeit mit ACPA [der cubanischen Vereinigung für Tierproduktion; Anmerkung von Zettel] hält der Cuba Sí- Koordinierungsrat partnerschaftliche Kontakte zu folgenden kubanischen Organisationen und Einrichtungen: Kommunistische Partei Kubas (PCC), Kubanisches Institut für Völkerfreundschaft (ICAP), Zentrale der Gewerkschaften Kubas (CTC), Pionierorganisation "José Martí" (OPJM), Zeitschrift "Bohemia", Kubanische Kammer des Buches (CCL), Kulturprojekt "almendares vivo" u.a.m.
    Aber natürlich stehen sie auf dem Boden des Grundgesetzes, die deutschen Kommunisten.



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    19.11.09

    Zettels Meckerecke: Der vergeßliche Frank Schirrmacher. Ein Autor entdeckt die Schrecken der Technik

    Frank Schirrmacher hat sich etwas von der Seele geschrieben. Nicht im eigenen Blatt, der FAZ, sondern in "Spiegel- Online". Was er sich da von der Seele geschrieben hat, der Frank Schirrmacher, das kommt mir vor wie eine Zeitreise. Eine Zeitreise zurück zur Befindlichkeit der abendländischen Seele, Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts und bis in dessen Mitte hinein.

    Damals gab es ein großes Erschrecken über das "Maschinenzeitalter", in das die Menschheit nun eingetreten sei. Filme wie Fritz Langs "Metropolis" (1927) und Chaplins "Modern Times" (1936) zeigten mal heiter- beklemmend, mal nur beklemmend, wie der Mensch zum Sklaven der Maschine wird; Jacques Tati hat das später in "Playtime" (1967) noch einmal aufgegriffen.

    Die eindrücklichste philosophische Befassung mit diesem Thema findet man bei Günther Anders in "Die Antiquiertheit des Menschen". Analysiert wird dort, wie die Maschine dem Menschen zunehmend überlegen wird, so daß er sie im Wortsinn "bedienen" muß und darob in eine "prometheische Scham" versinkt; die Scham des Schöpfers nämlich darüber, daß sein Werk ihm überlegen geworden ist.



    Nun also Frank Schirrmacher. Er beschreibt einen Zustand, den wir alle kennen:
    Ich bin unkonzentriert, vergesslich, und mein Hirn gibt jeder Ablenkung nach. Ich lebe ständig mit dem Gefühl, eine Information zu versäumen oder zu vergessen. Und das Schlimmste: Ich weiß noch nicht einmal, ob das, was ich weiß, wichtig ist oder das, was ich vergessen habe, unwichtig.
    Ja, so geht es.

    Aber Frank Schirrmacher führt das nicht darauf zurück, daß er nun auch schon über fünfzig ist, oder auf die Überlastung eines Herausgebers der FAZ. Sondern schuld sind die Maschinen. Natürlich nicht mehr die klobigen, die man bei Chaplin und Fritz Lang sah. Nein, jetzt sind es die elektronischen Maschinlein; die Handys, Notebooks, Netbooks: "Das Problem ist meine Mensch- Computer- Schnittstelle".

    Die nämlich, schreibt Schirrmacher, führe zu einer permanenten Überforderung seiner Aufmerksamkeit. Und es folgt - der Artikel ist recht lang - noch allerlei Sonstiges über die Macht der Computer und der Handys und des Internet und vor allem von Google. Ein Schreckensbild, daß einem wahrlich angst und bange werden kann.

    Aber gemach. Wir müssen das alles nur in den Griff kriegen, tröstet uns Schirrmacher gegen Ende seines Artikels:
    Aber was Menschen verzweifelt lernen müssen, ist, welche Information wichtig und welche unwichtig ist. Das ist womöglich die große Stunde der Philosophie. (...) Es geht im besten Fall darum, Menschen das tun zu lassen, was sie am besten können - und das zu entrümpeln, was die Computer uns abnehmen.
    Ja, wer hätte das gedacht. Gebt dem Menschen, was des Menschen ist und dem Computer, was des Computers ist. Ich werde also auch künftig, wenn ich einen Text schreibe, den Rechner benutzen und nicht den Füller oder den Gänsekiel. Wenn ich hingegen überlege, was ich schreibe, dann werde ich meinen Kopf verwenden, und nicht Textbausteine aus dem Internet klauen. So möge es sein!



    Schirrmacher stolpert von einer Trivialität in die andere.

    Ja, natürlich, uns erreichen ständig weit mehr Informationen, als wir verarbeiten können. "Reizüberflutung" war einmal das Stichwort dafür. Das war noch vor der Zeit der Computer und der Handys; damals waren das Radio, die Jukebox und die Lichtreklamen in den Großstädten die Objekte der Besorgnis.

    Zwei Jahrtausende zuvor dürften die Hinterwäldler aus Germanien sehr erschrocken gewesen sein über die Reizüberflutung, der sie beim Betreten einer pulsierenden römischen Stadt ausgesetzt waren.

    Und noch viel früher waren auch unsere evolutionären Vorfahren, die im tropischen Regenwald hangelnden Brachiatoren, keineswegs sicher vor Reizüberflutung. Da krächtzte, trompetete und summte es hier und dort; da huschte dieses und jenes Getier durchs Gesichtsfeld; da lockte eine schöne Banane; da wollte auch ein Hordenkumpan dringend beachtet werden; da mußte man zugleich immer auf der Hut vor Freßfeinden sein. Das kann kein Affenhirn alles gleichzeitig verarbeiten.

    Zur Bewältigung solcher Situationen haben sich in der Evolution die Mechanismen der Aufmerksamkeit entwickelt, die dafür sorgen, daß dem Gehirn nicht mehr an Verarbeitung zugemutet wird, als es verkraften kann. Das Gehirn filtert Informationen, was in der Regel auch gut funktioniert. Sonst könnte Sebastian Vettel nicht seinen Boliden zum Ziel fahren; und keine Mutter könnte ihre Küche versorgen, zugleich auf drei quengelnde Kinder aufpassen und dabei auch noch die Daily Soap sehen.

    Nur muß die Aufmerksamkeit trainiert werden. Neue technische Geräte verlangen eine solche Anpassung. Das gelingt Kindern, die mit ihnen aufwachsen, in der Regel mühelos. Jüngere Erwachsene haben auch noch kaum Probleme. Frank Schirrmacher hat sie.



    Und nicht nur mit der optimalen Verteilung seiner Aufmerksamkeit hat er Probleme, sondern offenbar auch mit der englischen Sprache. Er schreibt:
    Damit ein leistungsschwaches Handy eine mit technischen Spielereien vollgepackte Website trotzdem darstellen kann, haben die Programmierer eine Methode erfunden, die sich "graceful degradation" nennt, auf Deutsch: "würdevolle Herabstufung". Die Website gibt sich gewissermaßen bescheiden, um das Handy nicht in seinem Stolz zu verletzen.
    Nein, graceful degradation heißt nicht "würdevolle Herabstufung". Gemeint ist, daß dann, wenn einem System Ressourcen entzogen werden, wenn es überlastet wird oder wenn ein Fehler auftritt, dieses System nicht gleich zusammenbricht, sondern es nur seine Leistung entsprechend verringert.

    Graceful heißt hier nicht "würdevoll" (heißt es das überhaupt je?), sondern "sanft, schonend". Und degradation ist hier auch keine Degradierung, wie Schirrmacher vermutet, sondern eine Verschlechterung, ein Leistungsabfall; auch schon in der ursprünglichen Wortbedeutung. Da wird nicht auf den Stolz des Handys Rücksicht genommen, sondern die Bildschirmdarstellung wird nur dessen Ressourcen angepaßt. Es findet eine schonende Einschränkung der Leistung statt.

    Und dann ist da noch das mit der Ernährung:
    Ich glaube, es hat, um ein Lieblingswort der Informatiker zu zitieren, eine Rückkoppelung stattgefunden, die jenen Teil der Aufmerksamkeit, den wir früher uns selbst widmeten, abzapft, auffrisst und als leere Hülle zurücklässt. Man nennt das "feed- back", wörtlich: eine Rück- Ernährung. Aber wer ernährt sich von unserer Aufmerksamkeit?
    Auch hier wäre Schirrmacher ein Blick ins Lexikon anzuraten gewesen. To feed heißt nicht nur "füttern", sondern auch in einem ganz untechnischen Sinn "einfließen". The river feeds into the ocean, beispielsweise: Der Fluß fließt in den Ozean. Auch wörtlich übersetzt heißt Feedback schlicht Rückfluß.

    Nichts dagegen, à la Heidegger der Sprache nachzuspüren, sich von der ursprünglichen sprachgeschichtlichen Bedeutung von Wörtern inspirieren zu lassen. Aber muß man das so weit treiben, daß schlicht falsche Übersetzungen herauskommen?



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

    18.11.09

    Gorgasals Kleinigkeiten: Kompetenz in der EU

    Ein Scherzbold würde einen Blogbeitrag mit diesem Titel möglicherweise leer lassen. Aber in Zettels Raum geht es ja (meistens) ernst zu.

    Die EU will diesen Donnerstag auf einem Sondergipfel zwei Positionen besetzen, die durch den Vertrag von Lissabon geschaffen wurden. Ein ständiger Ratspräsident wird als eine Art Europapräsident die Versammlung der Staats- und Regierungschefs leiten und Europa nach außen repräsentieren. Und ein Außenbeauftragter wird als Europas Außenminister der EU-Kommission angehören und einen diplomatischen Dienst der EU leiten, in den auch die militärischen Strukturen der EU überführt werden sollen.

    Keine ganz unwichtigen Positionen also. Entsprechend muss der Proporz gewahrt bleiben. Große und kleine Länder, links und rechts, Zentrum und Peripherie, Alt und Neu, Nord und Süd, Männlein und Weiblein, alles muss ausgewogen repräsentiert sein. Aber auch weniger wichtige Apekte dürfen nicht unter den Tisch fallen:
    Carl Bildt, the foreign minister of Sweden, said among all the considerations - the political, geographical and gender balance, there was "also an issue of competence that should not be entirely forgotten."

    Carl Bildt, der schwedische Außenminister, wies darauf hin, dass neben all diesen Gesichtspunkten - politische, geographische und Gender-Ausgewogenheit - auch "die Frage der Kompetenz besteht, die nicht völlig vergessen werden sollte."
    Wahrscheinlich meinte er das ironisch. Wahrscheinlich.




    © Gorgasal. Den Hinweis habe ich von Ulrich Specks Morning Briefs. Für Kommentare bitte hier klicken.

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    17.11.09

    Gorgasal liest ein Buch (2): Sowjetische Schuhe. Wie der real existierende Sozialismus am Informationsmangel scheiterte

    Scott Shane war ab 1988 als Korrespondent der Baltimore Sun in Moskau. In seinem Buch Dismantling Utopia: How Information Ended the Soviet Union beschreibt er die Kontrolle von Information in der Sowjetunion und wie die Lockerung dieser Kontrolle zum Zusammenbruch dieses Imperiums beitrug.

    Shane fängt nicht bei den Kommunisten an, sondern schon bei den Zaren. Zensur war jahrhundertelang ein Grundpfeiler der zaristischen Autokratie.

    In September 1826 the Russian poet Alexander Pushkin was summoned to Moscow and rushed under escort to the Kremlin to meet with tsar Nicholas I. The ruler of Russia was in a magnanimous mood. He informed the astonished poet that from now on he would not have to submit his work to the official government censor. The emperor himself would censor all of Pushkin's poems.

    Im September 1826 wurde der russische Dichter Alexander Puschkin nach Moskau gerufen und in den Kreml eskortiert, um Zar Nikolaus I zu treffen. Der Herrscher Russlands war in großzügiger Stimmung. Er informierte den überraschten Dichter, dass er von nun an seine Werke nicht mehr beim offiziellen Zensor einreichen musste. Der Kaiser selbst würde alle Gedichte von Puschkin zensieren.

    Und das tat Nikolaus auch weidlich. Wie auch die Zaren vor und nach ihm.

    Und wie so vieles wurde die Zensur unter den Kommunisten nicht abgeschafft, sondern perfektioniert. Es gab dicke Bücher mit "Unkonzepten": Sachverhalte, die nicht publiziert werden durften, weil sie ein schlechtes Licht auf den real existierenden Sozialismus warfen. Dass in der DDR Selbstmordquoten nicht publiziert wurden, ist recht bekannt. In der Sowjetunion durfte nicht darüber berichtet werden, dass Fischer einen Teil des Fangs über Bord warfen. Denn im Sozialismus wurde nichts vergeudet.

    Die Informationskontrolle nahm teilweise groteske Züge an. Beispielsweise gab es keine genauen Stadtpläne oder Landkarten. 1941 war das ganz nützlich, als die Deutschen sich beim Einmarsch plötzlich verliefen, sobald sie aus dem Bereich ihrer vorherigen Luftaufklärung herauskamen. Aber einige Jahrzehnte später inkommodierte das nur noch die eigenen Bürger. Ausländische Diplomaten und Journalisten verwendeten einen im Westen gedruckten, spiralgebundenen Stadtplan von Moskau, der diskret auf die Nennung von Autor und Verlag verzichtete: die CIA hatte ihn aus Satellitenaufnahmen zusammengestellt. Shane berichtet, ihm seien dafür dicke Stapel Rubel angeboten worden.

    Eine andere Art von Informationen, die nicht frei zirkulierten, waren Angebot und Nachfrage. In einer freien Wirtschaft trägt jeder Preis Information: wird ein bestimmtes Paar Schuhe zu einem bestimmten Preis gekauft, dann erfährt der Produzent, dass Nachfrage nach diesen Schuhen herrscht. Werden die Schuhe nicht verkauft, dann sinkt irgendwann der Preis, bis sie doch noch Abnehmer finden. Der Produzent überlegt sich dann genau, welches Sortiment er anbietet, um möglichst viele Kunden glücklich zu machen. Hier fließen Informationen.

    Nichts dergleichen gab es in der Sowjetunion. Schuhhersteller produzierten nicht für die Leute, die letztendlich die Schuhe trugen, sondern für Gosplan, das Staatskomitee für Planung, das die Produktionsquoten festlegte. Natürlich versuchte man, diesen "Kunden" glücklich zu machen, indem man seine Pläne (über)erfüllte - und wenn die Pläne am leichtesten mit Schuhen zu erfüllen waren, die unbequem waren, die niemand tragen wollte und die nach drei Wochen auseinanderfielen, dann war das nicht das Problem des Schuhproduzenten. Das Ergebnis:
    My informal survey suggested that some of the longest lines in Moscow were for shoes. At first I assumed that the inefficient Soviet economy did not produce enough shoes, and for that reason, even in the capital, people were forced to line up for hours to buy them. . . . Then I looked up the statistics.

    I was wrong. The Soviet Union was the largest producer of shoes in the world. It was turning out 800 million pairs of shoes a year--twice as many as Italy, three times as many as the United States, four times as many as China. Production amounted to more than three pairs of shoes per year for every Soviet man, woman, and child.

    The problem with shoes, it turned out, was not an absolute shortage. It was a far more subtle malfunction. The comfort, the fit, the design, and the size mix of Soviet shoes were so out of sync with what people needed and wanted that they were willing to stand in line for hours to buy the occasional pair, usually imported, that they liked.

    Meine formlose Untersuchung legte nahe, dass in einigen der längsten Schlangen in Moskau um Schuhe angestanden wurde. Zuerst nahm ich an, dass die ineffiziente sowjetische Wirtschaft nicht genug Schuhe herstellte und dass aus diesem Grund sogar in der Hauptstadt Menschen stundenlang schlangestehen mussten, um sie zu kaufen... Dann schaute ich mir die Statistiken an.


    Ich hatte unrecht. Die Sowjetunion war der größte Schuhproduzent der Welt. Sie stellte 800 Millionen Paare Schuhe pro Jahr her - doppelt so viele wie Italien, dreimal so viele wie die Vereinigten Staaten, viermal so viele wie China. Mehr als drei Paar Schuhe pro Jahr für jeden sowjetischen Mann, jede Frau, jedes Kind.

    Es stellte sich heraus, dass das Problem mit Schuhen kein absoluter Mangel war. Es war eine viel subtilere Fehlfunktion. Die Bequemlichkeit, die Passform, das Design und der Größenschlüssel sowjetischer Schuhe waren so weit davon entfernt, was die Menschen brauchten und wollten, dass sie willens waren, stundenlang anzustehen, um ein gelegentliches - meist importiertes - Paar Schuhe zu kaufen, das sie mochten.

    Andere Probleme gab es bei so langweiligen Themen wie Kugellagern. In modernen Industrien werden schätzungsweise 100.000 verschiedene Sorten von Kugellagern verbaut - Gosplan plante aber nur für 14 Kategorien, man hatte ja noch vieles andere zu planen. Entsprechend gab es von manchen Kugellagern ein Überangebot, andere waren knapp, wieder andere unauffindbar; mit entsprechenden Konsequenzen für die Produktion von Mähdreschern, Staubsaugern und Drehstühlen.

    Sowjetische Milch wurde in kürzester Zeit sauer. In diesem Fall war das Problem, dass keine Kühlkette vom Produzenten zum Verbraucher existierte, und dass neue Milch achtlos auf alte Milch draufgeschüttet wurde; für Gosplan war die gesamte Milchproduktion wichtig, nicht ob jemand sie trinken wollte. Und keine Preise, keine Verkaufszahlen trugen diese Information vom Konsument zum Produzenten. Aber die Sowjetunion produzierte 1987 stolze 43% mehr Milch pro Person als die Vereinigten Staaten.

    Noch interessanter ist Waschpulver. Natürlich war es erst einmal eine Leistung, so viele Waschmaschinen zu bauen, 5,2 Millionen Stück im Jahre 1987 - die Konsumgüterindustrie in der Sowjetunion war durchaus vorhanden. Aber was nützt die schönste Waschmaschine, wenn man kein Waschpulver dafür hat? Der Aufschrei war groß, und irgendwann reagierte sogar Gosplan und erhöhte die Produktionsquoten. Nach langer Knappheit waren die Geschäfte plötzlich voller Waschmittel. Und da man nicht wusste, wie lange die Herrlichkeit anhalten würde, wurde gehortet. Bis Moskauer Ärzte massenhaft auftretende tränende Augen und Atemwegsprobleme darauf zurückführten, dass man in vielen Wohnungen in Wohngemeinschaft mit großen Quantitäten Waschpulver lebte. Shane fasst zusammen:
    The soap industry was like a huge truck with no steering wheel, careening from one curb to another.


    Die Seifenindustrie war wie ein riesiger Lastwagen ohne Lenkrad, der von einem Bordstein zum anderen schlingerte.

    Natürlich blieben diese Probleme den Eliten nicht unbekannt. Allerdings hieß das noch lange nicht, dass die Informationen zur Verfügung standen, um diese Probleme zu lösen. Shane berichtet, dass Michail Gorbatschow, Nikolai Ryschkow und Wladimir Dolgikh - alles Spitzenleute der Nomenklatura, die die sowjetische wirtschaftliche Malaise untersuchten - 1983 bei Andropow vorstellig wurden, um Daten zum Budget zu erfragen, insbesondere zum Verteidigungshaushalt. Andropow erklärte, diese Daten gingen sie nichts an und sie würden in Bereichen herumschnüffeln, in denen sie nichts zu suchen hätten. Sogar die obersten Führer dieser "Plan"wirtschaft konnten keine Informationen über wichtige Aspekte des "Plans" erhalten.

    Anfang der achtziger Jahre dämmerte es nun langsam sogar dem KGB, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Juri Andropow war 15 Jahre lang Chef des KGB gewesen, als er 1982 Breschnew nachfolgte, und als solcher wusste er wohl noch am besten, dass es allenorten im sowjetischen Gebälk krachte. Nach seiner kurzen (und Tschernenkos noch kürzeren) Amtszeit kam Andropows Protégé Gorbatschow an die Macht und versuchte, durch vorsichtige Reformen die Malaise der sowjetischen Wirtschaft zu beheben. Dass der KGB diese Reformen mittrug, sieht man schon daran, dass Gorbatschows Perestroika ansonsten schnell und effizient ausgeknipst worden wäre.

    Nun wollte aber der KGB natürlich auch nicht einen kompletten Zusammenbruch des Systems. Problematisch war aber, dass die ersten Reförmchen - Lockerungen der Pressekontrolle, so dass erstmals relativ offen über Misstände berichtet werden konnte - sozusagen ein kleines Loch im Damm waren, der dann zusehends instabil wurde. Niemand wusste, wie weit die nicht mehr ganz so unfreie Presse gehen konnte. Unsicherheit kam auf, sogar beim KGB. Waren satirische Fernsehsendungen noch in Ordnung? Der Druck zuvor verbotener Bücher? Plötzlich sprachen Journalisten sogar mit Zeitzeugen der Massenmorde unter Stalin, und sie veröffentlichten, wo in den Dreißiger Jahren die Massengräber für die Moskauer Erschießungsopfer angelegt wurden.

    Nach kurzer Zeit war der KGB selbst so unsicher über die neuen Grenzen des Erlaubten, dass er in Panik zum Putsch von 1991 als letztem Mittel griff. Allerdings war es da schon zu spät: die Putschisten konnten sich nicht mehr zu kompromissloser Repression entschließen, und anders als 1985 hatten jetzt zu viele Einwohner der UdSSR, zu viele frei gewählte Parlamentarier, zu viele hochrangige Offiziere Gefallen an der neuen Freiheit gewonnen. Der Putsch dauerte nur wenige Tage, und während Gorbatschow danach in völliger Verkennung der Lage weiter von einem effizienteren Sozialismus schwadronierte, hatte der Zug der Zeit ihn schon längst abgehängt.

    Shane schrieb sein Buch 1994, aus der Perspektive des kürzlichen Zerfalls der Sowjetunion und der ersten blutigen Auseinandersetzungen zwischen und innerhalb der frisch unabhängigen Republiken. Das Buch atmet dennoch einen Optimismus, den man heutzutage vielleicht so nicht mehr empfindet - Putin kommt nicht vor, nur Jelzin. Dennoch ist Dismantling Utopia lesenswert: als Überblick, in was für einem eisernen Griff die Kommunisten die Sowjetunion 70 Jahre lang hielten und wie schnell erste Risse dazu führten, dass der ganze Koloss auf tönernen Füßen in sich zusammenbrach.



    © Gorgasal. Die Buchempfehlung habe ich von David Henderson. Für Kommentare bitte hier klicken.

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