18. Dezember 2007

Antiquariate, das Internet und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien: Eine ganz alltägliche deutsche Geschichte

Als die Katholische Kirche noch den Index librorum prohibitorum hatte, das bis 1966 verbindliche Verzeichnis verbotener Bücher, da war es ein belieber Jokus, daß kein Werk so dringend auf den Index gehöre wie dieser Index selbst.

Denn dort war alles verzeichnet, was interessant zu lesen war - wegen seiner Intelligenz, seines Wagemuts, seiner Fortschrittlichkeit, auch natürlich seiner Erotik.

Nicht auf dem Index zu stehen war im Grunde eine Schande für einen Philosophen, einen Schriftsteller. Es bedeutete, daß der Philosoph nicht mutig genug gedacht hatte, daß der Dichter der Wirklichkeit nicht nah genug gekommen war.

Die meisten aber hatten es auf den Index geschafft. Philosophen von Giordano Bruno und René Descartes über John Locke und David Hume bis zu Immanuel Kant und Jean-Paul Sartre; auch Kleriker wie der Bischof Berkeley und der Augustiner Nicolas de Malebranche blieben nicht unberücksichtigt. Schriftsteller wie Daniel Defoe, Gustave Flaubert und Graham Greene fehlten nicht; und natürlich Heinrich Heine.

Also - wer es in früheren Zeiten fertig gebracht hatte, sich diesen Index zu besorgen, der hatte eine wunderbare Leseliste. Nur war er nicht so leicht zu besorgen, der Index der verbotenen Bücher.

Denn diejenigen, die sich die Mühe machen, einen Index zu erstellen und zu pflegen, wollen ja nicht, daß er als Leseliste mißbraucht wird. Sie tun sich darum schwer damit, ihn zugänglich zu machen. Sie können ihn zwar nicht gut, dem Scherz folgend, auf sich selbst setzen. Aber ihn fast so versteckt halten, als befände er sich auf sich selbst, das können sie.

Davon handelt eine heutige Meldung. Es geht in ihr um den Index. Allerdings nicht den der Katholischen Kirche, sondern den aktuellen in Deutschland.



Denn der kirchliche Index ist heute zwar Geschichte. Aber in Deutschland haben wir immer noch unseren Index, die "Liste der jugendgefährdenden Schriften", herausgegeben und fortlaufend aktualisiert von der "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften", die jetzt "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien" heißt.

Sie wurde 1954 gegründet, und zu ihren ersten Taten gehörte die Indizierung von "Tarzan-", "Akim-" und "Sigurd-" Comics. Heftchen - ich erinnere mich noch gut an sie - , die in einem sehr zweckmäßigen schmalen Format gedruckt wurden, so daß man sie gut unentdeckt unter der Schulbank lesen konnte.

Auf weit mehr als die mickrigen 4000 Werke, die der Vatikan im Lauf der Jahrhunderte auf seinen Index setzte, hat es diese Bundesprüfstelle inzwischen gebracht; geschätzte 15.000. Darunter natürlich die Mutzenbacherin, natürlich de Sade, aber zum Beispiel auch das "Pardon"- Heft, auf dem der Herausgeber Hans A. Nikel, als Arzt drapiert, mit der nackten Andrea Rau auf den Schultern zu sehen ist, deren private parts natürlich züchtig verdeckt.

Von dieser Bundesprüfstelle also handelt die heutige dpa-Meldung. Genauer gesagt, sie handelt von einem Vorgang, bei dem diese Prüfstelle eine Rolle spielt. Nur am Rande, aber eine doch irgendwie entscheidende Rolle.



Um den Inhalt dieser Meldung zu verstehen, müssen wir den Blick jetzt einen Augenblick vom Thema "Index" abwenden, hin zu einer der vielen Veränderungen, die das Internet mit sich gebracht hat. Es geht um Antiquariate.

Ich bin ein süchtiger Antiquariats- Besucher. Nein, ich war es. Ich war es, solange man ein begehrtes Buch (sieht man ab von der Möglichkeit eines Suchauftrags) nur dadurch bekommen konnte, daß man in den Antiquariaten danach stöberte. Wobei man natürlich auch jede Menge weitere Bücher "entdeckte", die man nicht gut ungekauft lassen konnte.

Vorbei. Denn jetzt gibt es das ZVAB, das Zentralverzeichnis antiquarischer Bücher. Und es gibt booklooker. Die größeren und viele kleine Antiquariate sind inzwischen einem davon oder beiden angeschlossen. Immer mehr Antiquariate sind auch reine Versandgeschäfte.

Damit ist es ungleich leichter als früher, ein gesuchtes Buch zu finden. Freilich ist auch das Jagdfieber, dieses Vergnügen, in einer fremden Stadt alsbald die Antiquariate heimzusuchen, vorbei. Ich jedenfalls besorge mir inzwischen antiquarische Bücher fast nur noch via die ZVAB. Und folge damit einer allgemeinen Tendenz.



Und da haben wir nun das Problem. Der Antiquar, der über die Ladentheke verkauft, kann prüfen, ob der Kunde, der ein indiziertes Buch haben will, erwachsen ist. Der Versender kann das nicht, jedenfalls nicht ohne eine aufwendige adult verification; also einen Prüfprozeß, der neuerdings laut Gerichtsurteil den persönlichen Augenschein z.B. durch einen Postbeamten einschließen muß.

Und diese Prüfung des Kunden allein tut es ja nicht. Er muß, der Versender, ständig parat haben, welche Bücher denn indiziert sind. Bei aktuellen Büchern ist das einfach. Aber wer hat schon im Kopf, ob ein vor zehn oder vierzig Jahren erschienenes Buch indiziert wurde und weiter auf der Liste steht?

Man sollte meinen, das sei im Zeitalter der EDV kein Problem. Bestimmt stellt doch die Bundesprüfstelle allen Buchhändlern und Antiquaren ihre Liste in elektronischer Form zum Herunterladen zur Verfügung, so daß sie sie mit ihre Bestell- Software verbinden und automatisch die indizierten Bücher herausfiltern können?

Keineswegs tut sie das.

Denn es gibt ja eben - jetzt kommen wir zum Anfang zurück - diese Neigung der Indizierer, den Index nicht an die Große Glocke zu hängen, auf daß er nicht als Leseliste mißbraucht werde.

Wie Wolfgang Höfs vom Dortmunder Online- Antiquariat "Emotioconsult" sagt: "... die Listen gibt es nur schriftlich, die Titel kann man nicht online abrufen."

Da sollen also fleißige Antiquariats- Angestellte sich hinsetzen, ihren Kopf über die Liste indizierter Bücher beugen und sie, Position für Position, mit den Büchern vergleichen, die neu eingehen oder die ein Kunde bestellt.

Da nun freilich auch Online-Antiquariate ein wenig auf ihre Kosten achten müssen, tun sie das oft nicht. Und handeln sich dadurch neue Kosten ein. Wie heute in "Spiegel Online" ausführlich zu lesen ist.

Eine ganz alltägliche deutsche Geschichte, scheint mir. Sie handelt von Zensur, von Bürokratie, von Inkompetenz. Also davon, was zensierende Bürokraten mit ihrer Inkompetenz unserer Gesellschaft, unserer Wirtschaft zumuten.

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